Von Hans E. Hölscher

Vom Flugzeug herunter sieht alles Land so schön sauber und ordentlich aus, so wohldurchdacht und gartenhaft aufgeteilt, daß man plötzlich Angst bekommt, es könne schließlich kein Platz mehr für eine Landung zu finden sein, weil die Menschen auch den letzten Winkel der Erde schon zu einem Kartoffelacker gemacht haben." So etwa sagte ich im letzten Herbst bedeutsam zu unserem Bauernvorstand, dem dicken Bredemeier. Er sah mich aus seinen wasserblauen Augen eine Weile sinnend an und sprach dann also: "Ja, vom Flugzeug aus! Aber wenn Sie mal unten sind auf der Erde, dann ist die ganze Schlamperei gleich wieder da. Zum Beispiel unser Dorf. Da sehen Sie dort meinen Hof und dahinter mein Land. Aber es ist nur ein Teil von meinem Grund, der da zusammenliegt. Denn zwei Wiesen hab ich noch im Süderbruch und einen Kamp am Wald, drei Morgen Acker unten an der Landstraße und einen im Westerkirchfeld. Aber Prießmeier und Brunsmeier geht das auch so und Wedemeier und Grotemeier auch, und Buchmeier und Eickmeier ebenso. Durch Erbschaft und Hochzeit und Kaufen und Verkaufen ist das ganze Dorf durcheinandergewürfelt. Aber jetzt ist einer von der Bauernschaft gekommen, der hat uns genau erklärt, daß wir bei dieser Zersplitterung beinahe das Doppelte an Arbeit und Lauferei haben. Darum haben wir einstimmig beschlossen, unser Land neu zu vermessen und zu verteilen, denn einige Dörfer sollen die Sache erst einmal versuchen, ehe sie überall eingeführt wird. Jeder soll nun seine Äcker und Wiesen möglichst als geschlossenen Besitz dicht bei seinem Hause haben. Vom nächsten Frühjahr an arbeiten wir dann schon unter den neuen Bedingungen. Dann erst wird hier unten wirklich alles in Ordnung sein und es wird nicht nur so aussehen von oben. Und man darf endlich auch mal ein Mensch sein und hat vielleicht sogar Zeit, in Ruhe auch mal wieder ein Buch zu lesen." – So sprach Bredemeier, als der Winter kam.

Inzwischen ist es wieder Herbst geworden, und wieder traf ich Bredemeier oben am Wald und sagte freudig: "Bredemeier, nun berichten Sie mal, wie geht es denn jetzt mit der neuen Ordnung auf dem alten Land? – Jetzt wissen Sie wohl gar nicht mehr wohin mit Ihrer Zeit. Aber ich habe schon ein paar Bücher zurechtgelegt für Sie. Die müssen Sie unbedingt lesen."

Ruhig sah er mich aus seinen blauen Augen an und sagte nach einer ganzen Weile erst bedächtig: "Ja, wissen Sie, mit der Flurbereinigung ist das so eine Sache. Wenn ich es recht bedenke, hab ich jetzt weniger Zeit als früher. Mit der Arbeit stimmt es natürlich, die kann man hintereinander und Schlag auf Schlag erledigen. Aber dann, dann fängt das Problem ja erst an. Wenn ich nämlich früher auf dem Acker im Westerkirchfeld pflügte, dann ging ich auf dem Heimweg am Krug vorbei und trank da eine lüttje Lage und snackte ein Wort mit Wedemeier und Grotemeier. Und wenn ich zum Süderbruch trieb, dann ging der Weg zufällig auch am Krug vorbei und zum Kamp hinauf auch und zur Landstraße drüben auch. Und bei Prießmeier und Brunsmeier und allen anderen war es ganz genau so. Man sah sich eben zwischen der Arbeit im Krug und trank einen dabei und sprach ein Wort über das Wetter und wie das Korn steht und was die Schweine kosten. Aber jetzt, wo man immer so allein auf seinem Land püttjert, sieht man keinen Schwanz mehr und hört nichts und sieht nichts und weiß auch nichts. Das ist doch nicht in Ordnung, hören Sie mal. Man ist kein freier Mann mehr, wissen Sie.

Aber ich mach das auch nicht länger mehr mit. Wenn ich jetzt fertig bin auf dem Feld, schick ich den Knecht mit den Pferden nach Haus und gehe hier oben am Wald entlang zum Krug, und alle anderen machen es ebenso. Und dann trinken wir einen und snacken ein paar Worte, wie das so geht. Aber der Weg ist natürlich nun weiter als früher und ich komme später nach Haus. Dann hat die Frau schon gewartet und die Suppe ist kalt und es gibt jeden Abend Streit. Aber verstehen Sie mich recht, ich will damit nichts gegen die Flurbereinigung sagen. Praktisch ist die nur einmal – aber vernünftig, wissen Sie, vernünftig ist sie nicht."

So tiefe Weisheit machte mich für einige Zeit stumm, und als er mich fragend ansah, nach meiner Zustimmung forschend, konnte ich mich nur in eine etwas verlegene Heiterkeit retten: "Sie sehen also, Bredemeier, es bleibt dabei, nur aus dem Flugzeug heraus sieht die Veit aus, als ob sie in Ordnung wäre."

Er spuckte aus und nahm einen tiefen Zug aus seiner Pfeife: "Ja, wer sitzt denn schon im Flugzeug? – Hier unten ist jedenfalls alles Scheibenhonig."

Und damit schritt er rüstig aus, um seine bei der Flurbereinigung ersparte Zeit im Krug bei einer lüttjen Lage sinnvoll zu verwenden.