In den ersten Jahren des letzten Krieges, als die Vernichtung der deutschen Städte immer weiter Fortschritt, als immer mehr deutsche Kunstwerke zerstört wurden, begann Hamburgs großer Baumeister Fritz Schumacher, um während seiner durch Krankheit erzwungenen Untätigkeit Herr über die Gedanken zu bleiben, Erinnerungen und Betrachtungen niederzuschreiben, die jetzt unter dem Titel "Selbstgespräche" im Axel-Springer-Verlag erschienen sind Voller Empörung und Entsetzen mußte er erleben, wie ein Zeugnis deutscher Kultur nach dem anderen zugrunde ging. "Und das alles ist von überlegener Feindesmacht kaltblütig zerstört – nicht mehr kann der Genius unseres Volkes in die leer gewordene Welt leuchten aus den Werken, in denen er sich durch Jahrhunderte verkörpert hat – Dieser Kampf wendet sich nicht nur gegen die Generation, mit der der Streit entstanden ist, sondern er reißt das, was schon zu Geist geworden ist, eine große ehrwürdige Vergangenheit, aus ihren Tempeln, um sie zu zerstören." Vielleicht wir es Sorge wegen dieses Verlustes an Tradition für die kommenden Geschlechter, was Schumacher bewog, noch einmal die Feder zur Hand zu nehmen, um aus seiner eigenen reichen Vergangenheit und Erfahrung zu erzählen. Und es ist in der Tat so, daß die ihm eigentümliche Art, sich jedes Gegenstandes, mit dem er sich beschäftigte, sofort schöpferisch zu bemächtigen, für kommende Geschlechter sehr wohl ein Vorbild sein könnte. So nämlich kann man sich nur verhalten, wenn man wie Schumacher ein ganzes Leben lang immer von neuem nach Erkenntnis gestrebt hat.

Das Buch berichtet von Begegnungen mit berühmten Zeitgenossen, Dichtern wie Dehmel, Dauthendey, Max Halbe, Baumeistern wie Theodor Fischer, Peter Behrens und Poelzig, Bildhauern wie Barlach und Hildebrand. Es enthält Studien über das Theater im allgemeinen um Shakespeare im besonderen, Aufsätze über Politik in Vergangenheit und Zukunft, bewegliche Schilderungen der Gegenwart wie die Flucht des Verfassers aus dem brennenden Hamburg und immer wieder Betrachtungen über Fragen der Architektur und des Städtebaues. So ist das Buch ein vorzügliches Zeugnis für Schumachers höchst lebendige und anregende Persönlichkeit. Insbesondere seine im März 1945 niedergeschriebene Schlußbetrachtung, aus der eine schöne deutsche Gesinnung spricht, wird niemand ohne Belegung lesen können.

"Es ist merkwürdig", so fängt eine der Betrachtungen in diesem Buche an, "wie stark die echte Schilderung gelebten Lebens fesselt, auch wenn keine Beziehungen zu der Person bestehen, die von ihrem Sein und Werden berichtet." Schumacher schrieb dies, als er eine zweibändige Selbstbiographie des Dichters Max Halbe gelesen hatte. Mit mindestens soviel Recht kann man die gleichen Worte auf ein Erinnerungsbuch anwenden, das jetzt erschienen ist: "Pause vor dem dritten Akt" von Friedrich Ahlers-Hestermann, Verlag Gebrüder Mann, Hamburg. Es gibt von einem deutschen Maler. Wilhelm von Kügelgen, eine berühmte Selbstbiographie, die "Jugenderinnerungen eines alten Mannes". Das Buch hat in seiner Art schon lange als klassisch gegolten. Wir wollen es gleich sagen: Das neue Buch von Ahlers-Hestermann dürfte bald unwidersprochen den gleichen Rang einnehmen. Was bei Kügelgen den besonderen Reiz ausmacht, ist die Kenntnis, die wir erhalten von der Atmosphäre des väterlichen Hauses in Dresden zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, eines Hauses, in dem in den unruhigen Zeiten der napoleonischen Kriege viele angesehene Männer verkehrten, das auch Goethe besuchte und in dem Verbindungen zu fürstlichen Höfen unterhalten wurden. Von den künstlerischen Entwicklungen der Zeit allerdings erfahren wir nicht viel. Dies nun ist bei Ahlers-Hestermann gründlich anders.

Gewiß, auch er schildert die Atmosphäre im Hause bürgerlicher Familien einer nun schon fast märchenhaften Zeit, der letzten Jahrzehnte, die dem ersten Weltkrieg vorangingen. Aber dies ist nicht der Mittelpunkt der Erzählung. Er berichtet an der Hand seines eigenen Lebens über das Schicksal einer Gruppe von Malern, zu der er selbst gehörte, über sich also und seine Freunde – seine Gesellen, würde Eichendorff gesagt haben –, und vieles von dem, was in diesem Buche steht, hat allerdings einen echten Schimmer der Romantik. Das liegt wohl daran, daß Ahlers-Hestermann in seiner Jugend jene liebenswürdige Eigenschaft von Eichendorffs Taugenichts hatte, ohne eigenes Zutun in seltsame Geschehnisse und unübersichtliche Verbindungen verwickelt zu werden.

Wie er dies schildert, berichtet er zugleich auch über die erstaunliche Entwicklung, die sich in jenen Jahren in der europäischen Malerei vollzog. Das begann für ihn damit, daß er die ersten großen Ausstellungen französischer Impressionisten sah, die Paul Cassirer in Deutschland veranstaltete, denen solche der Pointillisten folgten. Dann erlebte er in Paris, begleitet von den Debatten im Dôme und der Rotonde, die Anfänge von Matisse und Picasso. Er sah die schönsten Rousseaus bei Wilhelm Uhde. Den Höhepunkt bildete die Sonderbundausstellung in Köln 1913 mit den überwältigenden Kollektionen von van Gogh und Cézanne und dem ersten repräsentativen Auftreten der deutschen Expressionisten. Und in diesen Jahren vollzog sich auch bei ihm die Entwicklung von der Maxime, ein Bild habe die Natur abzukonterfeien zu dem modernen Prinzip, daß es vielmehr nach eigenen Gesetzen zu malen und zu komponieren sei.

Das alles ist mit einer besonders natürlichen Kunst der Erzählung geschildert, und verbunden mit dem allgemeinen Geschehen sind viele einzelne Schicksale und Situationen, die für den Leser erstaunlich lebendig werden. – Dieses Buch sollte sehr viel gelesen werden.

Martin Rabe