Der Absetzung Wladyslaw Gomulkas als Generalsekretär der KP Polens, die im Sommer 1948 stattfand, ist jetzt mit der Konsequenz, die die Kommunisten aller Schattierungen bei der Vernichtung ihrer Gegner anzuwenden pflegen, als zweiter Akt der Ausschluß aus dem Zentralkomitee und allen anderen Parteiämtern gefolgt. Der dritte Akt, der gewöhnlich mit einem Prozeß beginnt und mit einer Hinrichtung endet, wird nicht lange auf sich warten lassen. Das mag das Signal zu einer Generalsäuberung sein, mit der überall gerechnet wird, seit die Sowjetunion durch die Person ihres Marschalls Rokossowsky in Warschau de facto die Macht übernommen hat.

Der Fall Gomulka hat Ähnlichkeit mit dem Fall Rajk. Wie dieser ist Gomulka, jetzt 43jährig, alter Kommunist. Schon unter Witos saß er dafür im Gefängnis, aus dem ihn der Pilsudski-Putsch 1934 nur zeitweilig befreite. Daß er 1937 wieder eingesperrt war, rettete ihm wahrscheinlich das Leben, denn damals wurden die polnischen Kommunisten in der Sowjetunion reihenweise zu Opfern der großen Stalinschen Säuberung. Als Polen 1939 besetzt wurde, flüchtete er zu den Sowjets, wurde aber bald nach Westpolen zurückgeschickt, um eine kommunistische Untergrundbewegung aufzuziehen. In Warschau sprengte er ein Kaffeehaus in die Luft und stieg dafür in die Führergarnitur auf: er wurde Mitglied des Zentralkomitees und bald darauf Generalsekretär der KP. Als die Sowjets wieder nach Polen vordrangen, stieß er zu Stalins Lubliner Gegenregierung. brachte die Verhandlungen mit den Londoner Exilpolen zum Scheitern und wurde nach dem ersten Einzug Rokossowskys in Warschau (1944) stellvertretender Ministerpräsident. Als solcher, als Minister für die "wiedergewonnenen" Gebiete und vor allem als Generalsekretär der Partei war er der weitaus stärkste Mann Nachkriegs-Polens.

Viel spricht dafür, daß das zeitliche Zusammentreffen des Schlages gegen Gomulka mit dem Eintreffen Rokossowskys kein Zufall ist. Daraus ist auf eine gewisse innerpolitische Stärke Gomulkas zu schließen, der die lange Pause zu verdanken ist, die zwischen seiner ersten und der entscheidenden zweiten Maßregelung verstrich. Daß Gomulka über Anhänger auch im Apparat selbst verfügte, ist ja dadurch erwiesen, daß mit ihm auch der stellvertretende Justizminister Kliszkie beseitigt und mehrere andere hohe Regime-Beamte der Spionage beschuldigt wurden. Die Stalinisten schlugen erst zu, als sie nach Eintreffen Rokossowskys ihrer Positionen sicher waren. Offenbar hatte Gomulka mit derlei gerechnet. Denn als Rokossowsky eintraf, erschien in der Tribuna Ludu eine Zuschrift Gomulkas, in der er sich gegen den "Mißbrauch seines Namens" durch die Titoisten verwahrte. Doch hat ihn das nicht retten können. Die Vorwürfe gegen Gomulka und seine Leute sind die üblichen: Abweichen von der Stalin-Linie. Nationalismus, Titoismus; Duldung oder Ausführung von Spionage. In amerikanischen Berichten wird vermutet, Gomulka habe neuerdings die Gründung der Pieck-Republik zur Organisierung der Opposition gegen die Stalinisten ausgenutzt und sei dabei mit dem erhöhten Sicherheitsbedürfnis zusammengeprallt, das man in Moskau gerade in diesem Zusammenhang in bezug auf Polen empfindet. Wie dem auch sei, man sollte sich um das Schicksal Gomulkas den Kopf nicht beschweren. Zwar mag er all das nicht getan haben, was ihm jetzt vorgeworfen wird. Das ändert aber nichts daran, daß er einer der großen Menschenschlächter unserer Zeit ist. Für die Ausrottung Hunderttausender Deutscher der Ostgebiete und polnischer Bourgeois des ganzen Landes ist er voll verantwortlich. Vielleicht erinnert er sich ihrer, wenn er jetzt denselben Weg geht, auf den er sie geschickt hat. H. A.