III. Wie es in den alten deutschen Gebieten im Osten wirklich aussieht / Von ***

Unser Bericht über die heutige Wirklichkeit im deutschen Lande jenseits der Oder und Neiße, das die Polen "Befreite Westgebiete" nennen, hat nicht umsonst Aufsehen erregt Daß der noch heute dort lebende V erfasser sich fern von billigem Potential hält, verleiht seiner Schilderung die notwendige und überzeugende Objektivität Er hat nicht nur die Tatsachen aufgezeichnet, wie er sie sah, sondern er hat die Hintergründe des alltäglichen Lebens durchforscht. So fand er, daß die "Befreiten Westgebiete" heute ein Niemandsland sind, in dem nichtsdestoweniger ein entscheidender weltanschaulicher Kampf sich abspielt, der Kampf zwischen Vatikan und Kreml...

Zwei Mächte lenken heute das polnische Volk: der Kreml und der Vatikan. Nicht England, Frankreich, Westdeutschland, nicht einmal die USA sind die eigentliche "pièces de resistance" gegen den Bolschewismus. Pius XII. und Stalin heißen die beiden Repräsentanten von Weltmächten, die auf dem Schachbrett Polen einen der entscheidenden Kämpfe der modernen Geschichte führen.

Der geringe politische Einfluß Westeuropas auf Polen (trotz der bekannten "Frankreich-Verhimmelung", die übrigens stark nachgelassen hat) beruht darauf, daß im Grunde kein Pole den Liberalismus und die darauf basierende Demokratie versteht. Das polnische Volk hat viele Bindungen erlitten, durch die es sich in seinem Freiheitsdrang behindert und erniedrigt fühlte: das Feudalsystem im eigenen Land und die jahrhundertelange Fremdherrschaft von Zar, Preußenkönig und österreichischem Kaiser, zuletzt von Hitler und Stalin. In Schmach und Leiden über die Unfreiheit hat eine Bindung es immer getröstet, weil sie den freien Willen des einzelnen bejaht: die katholische Kirche. Ihr hat das polnische Volk sich freiwillig unterworfen und sie als Führerin und geheime Helferin dankbar anerkannt. Jeder Pole weiß überdies, welchen aktiven Anteil die Kirche in Polen an der Erhaltung der polnischen Tradition, Sprache und Gesittung zu allen Zeiten genommen hat. Diese tief erlebte Bindung an den römischen Katholizismus hat das Polentum im Sog zwischen dem orthodoxen Petersburg und dem protestantischen Berlin durch die letzten beiden Jahrhunderte gebracht. Sie hat eine großartige Auferstehung während der Besatzungsjahre des zweiten Weltkrieges gefeiert. Mit Recht hat der vorletzte Papst Polen "die treueste Tochter der Kirche" genannt. Polen ist diese treue Tochter noch heute – trotz der geschickten, fast lautlosen Zersetzungspropaganda der kommunistischen Einheitspartei, trotz der kirchlichen Etatkürzungen durch den Staat und des Terrors der Geheimpolizei U. B., eines Ablegers der NKWD und unter deren Leitung. Jeden Sonntag sind alle Kirchen in Polen überfüllt. Jeder von der Kirche gebotene Feiertag muß nach wie vor vom Staat respektiert werden, weil die Aufhebung ein katastrophaler Fehlschlag würde.

Für die Armen im Geiste

Wenn man bedenkt, daß in Ostdeutschland bei nur 35 v. H. der früheren Bevölkerungszahl neben den angestammten katholischen Kirchen auch alle ehemals evangelischen und eine große Zahl "Notkirchen" in Sälen, Schulräumen, ehemaligen Postanstalten überfüllt sind, so daß ein Teil der Gläubigen auf der Straße der Messe folgt, wird man die ungebrochene Macht des Katholizismus verstehen. Mit wenigen Ausnahmen, zu denen die bekannte norwegische Bergkapelle Wang im Riesengebirge gehört, die unter schwedischem Protektorat von einem der wenigen polnischen protestantischen Pfarrer betreut wird, sind die vormals evangelischen Kirchen Ostdeutschlands "rekatholisiert" worden (wobei das Re = Wieder oder Zurück als Propagandafloskel für die "Armen im Geiste" zu nehmen ist, die vielleicht noch glauben, diese Kirchen seien einmal katholisch, also – polnisch gewesen). Das nämlich ist ein typisch polnisches Vorurteil, das durch die historische Entwicklung begreiflich wird: Der Katholizismus im Osten ist eine Art "Lehen" des Papstes an die Polen. Ein ostdeutscher Katholik erscheint jedem Polen als "von polnischer Abkunft", was vielen die "Option" erleichtert hat.

Es muß festgehalten werden, daß die katholische Kirche die neue Bewährungsprobe bisher glänzend bestanden hat. So zweifelhaft in ihrer persönlichen Qualifikation nach der Seite der Bildung und der Moral viele polnische Priester sind –: im offenen und unterirdischen Kampf mit den kommunistischen Machthabern sind sie kompromißlos geblieben. Zwar liegen die Gebeine der Toten auf ostdeutschen Friedhöfen, die von der Roten Armee und polnischen "Schabrowniks" geplündert wurden, noch heute unbeeidigt, ohne daß der Klerus einen Finger rührte. Deutsche Grabsteine dürfen zertrümmert und Leichen ohne Protest der Kirche geschändet werden. Der Besitz der deutschen Geistlichen ist von ihren polnischen Amtsbrüdern vielfach gestohlen worden. Dennoch bleibt die Tatsache bestehen: Der Bolschewismus wird von der Kirche Polens scharf bekämpft. Ich habe öffentliche Predigten insbesondere der Jesuiten, Dominikaner und Salvatorianer mitangehört, die jeden deutschen Pfarrer während der Nazizeit ins KZ gebracht bitten. In Polen stehen die Gemeinden schützend vor ihren Priestern.