Von Jonny Behm

Die Verfasserin unseres Berichtes, Frau Jonny Behm, hat an der Genfer "Ecole internationale" mehrere Jahre als Professorin für deutsche Sprache und Kultur gelehrt. Sie erhielt also gründlichen Einblick in den Betrieb einer der interessantesten Erziehungsanstalten der Welt, nach deren Beispiel im vorigen Jahre eine weitere UNO-Schule in Lake Succes in den USA gegründet wurde.

Genf, Ende November

Genf ist heute eine Plattform Europas, sein Flughafen Cointrin empfängt die vielen Gäste aus Übersee, aus dem Nahen wie dem Fernen Osten, die in Genf an den internationalen Instituten arbeiten. Allein der europäische Zweig der UNO und das Internationale Arbeitsbüro (BIT) beschäftigen Hunderte von Mitarbeitern aller beteiligten Nationen. Die Genfer Universität erlebt seit Kriegsende eine wahre Flut von Studenten aller Staaten und Volker. Die all jährlich stattfindenden Rencontres Internationales mit ihren philosophischen, politischen und wissenschaftlichen Diskussionen, die internationalen Musikwettbewerbe und das berühmte Orchester der Suisse Romande rufen immer wieder führende Leute aus der Welt des Geistes und der Kunst in die Rhonestadt. International ist auch der Strom der Réfugiés, die während des Krieges und nach dem Krieg in Genf Zuflucht fanden. Es ist eine jahrhundertealte Tradition, den Verfolgten Aufnahme zu gewähren. Eine Tradition, die Genf reich gemacht hat. Denn die Flüchtlinge brachten neben den Industrien, die heute Genfs Weltgeltung bedeuten, eine starke geistige Belebung und revolutionäre Regsamkeit. So erwarb sich Genf den Ruhm, ein Forum der Humanität zu sein.

Es ist nur natürlich, daß die vielen Schulen, die für die fremden Kinder wie Pilze aus der Erde schossen, etwas von diesem Geist umweht. Allen voran die alte Völkerbundschule von dazumal, die heutige Ecole Internationale. Mehr als alle anderen dient sie dem Gedanken der Völkerversöhnung und einer Verständigung und Zusammenarbeit über alle Grenzen hinweg. Wäre der Begriff heute nicht so abgenutzt, so könnte man sie als eine Kinderuniversität für Weltbürgertum bezeichnen. Universität deshalb, weil die sonst üblichen schulischen Arbeitsmethoden wegfallen. Zwang oder Strafe sind Begriffe, die in dieser Schule höchster innerer und äußerer Freiheit nicht existieren. Der Schüler lernt sehr früh, daß er für sich arbeitet und nicht für den Lehrer oder ein Zeugnis. Und damit übernimmt er für sich selbst und seine Entwicklung selbst die Verantwortung. Der Lehrer ist dabei Helfer, Berater, Kamerad oder Freund, niemals Respektsperson oder gar Vorgesetzter. Dies manifestiert sich am stärksten in den "Duties", den Pflichten für die Allgemeinheit, die jeder Schüler freiwillig übernimmt. Und weiter in den Komitees, mit denen die Schülerschaft sich selbst verwaltet, ihre Belange vertritt und ihre Vergnügungen organisiert. Sport, Freizeitgestaltung, Feste, aber auch die Arbeitsmethoden, etwaige Kritik am Unterricht oder am Verhalten der Lehrer. Sogar das Ehrengericht, in dem die Schüler übereinander oder für einander Recht sprechen, sind ihnen selbständig überlassen. In ihrer eigenen und von ihnen verwalteten Messe verkaufen sie alles, was zum Schulbedarf gehört, außer den Büchern, die die Schule bestellt. Die Gewinne dienen der Anschaffung von Sportgerät und dem Hilfsfond für bedürftige Auslandskameraden. Die Idee des Weltbürgertums manifestiert sich, ohne daß sie jemals so benannt würde, in dem gesamten Erziehungs- und Unterrichtsprogramm, durch die Auswahl des Lehrstoffes, vor allem aber durch die moralische Erziehung. Von klein an werden die Schüler dahin belehrt, daß ihre Heimat nicht dieses oder jenes Land, sondern die allen Menschen gemeinsame, Erde ist. Es gibt nur ein unumstößliches Gesetz an dieser Schule: die Ehrfurcht vor dem Andersgeartetsein des anderen. Und es gilt nur ein Vergehen, das streng und, wenn nötig, mit der Ausschließung aus der Schule bestraft wird, das ist: einen Kameraden oder Lehrer in seiner Nationalität, seiner Rasse oder Religion zu beleidigen.

Die 340 Schüler vom letzten Jahr gehörten 38 Nationen an. Kinder aller Rassen und Völker. Chinesen, Neger, Inder, Perser, Araber, Ägypter, Amerikaner, Kanadier, Australier neben allen Europäern. Christen, Mohammedaner, Buddhisten, Juden! Kinder von Kommunisten und von Konservativen, Königsohne und Flüchtlingskinder. Auch die fast 70 Professoren kommen aus aller Welt hier zusammen. Manche sind seßhaft geworden, andere geben kürzere oder längere Gastspiele.

Vor 25 Jahren ist die Ecole Internationale als eine Privatschule für die Kinder der Völkerbundfunktionäre entstanden. Diese Kinder kamen meist nur für begrenzte Zeit und sollten möglichst im Schulprogramm ihres eigenen Landes bleiben. Das heißt, sie sollten so vorbereitet werden, daß sie jederzeit bei einer Rückkehr in ihre Heimat für die dortigen Schulen oder Hochschulen reif waren: Deshalb schuf man die Ecole Internationale dreisprachig; Französisch, Englisch und Deutsch sind gleichwertige Hauptfächer neben Latein und Griechisch. Nach Wunsch kann noch Italienisch, Spanisch und Russisch gewählt werden. Und zwar lernt man diese Sprachen, soweit sie Fremdsprachen sind, in drei vorbereitenden Spezialklassen. Hat man die dritte Klasse mit Erfolg absolviert, so wird man "normal", das heißt • man nimmt den Unterricht gemeinsam mit den Schülern, die die Fremdsprache als Muttersprache sprechen. Dies garantiert eine erstklassige Aussprache und zugleich ein leichtes Einleben in die Wesensart eines fremden Landes und Volkes. Wie im Turm zu Babel schwirren alle Sprachen durcheinander. Einer macht sein schweizerisches Abitur, ein anderer das französische Bachot-Examen, ein dritter das englische "Cambridge" und selbst die offiziellen amerikanischen Schlußprüfungen werden durch amerikanische Prüfungskommissare abgehalten.