Und niemand kümmert sich um die jungen Schriftsteller! Verleger, die sich ihrer annehmen, gehen zugrunde, und wir – ja was bleibt uns übrig – wir verhungern." Das ist eine alte Klage. Wir haben sie nach dem ersten Kriege bis zum Jahre 1933 hin gehört und heute ertönt sie von neuem. Mit Recht? Oder setzt die Wiederholung die Klagenden ins Unrecht?

Hier ein generelles Urteil abzugeben, wäre bestimmt leichtfertig. Immer werden unter den Jungen einige sein, die Förderung verdienen und Begeisterung erwecken. Wir brauchen hier nur an den nach dem Kriege allzu früh verstorbenen Wolfgang Borchert zu erinnern, dessen schönes Talent leider nicht ausreifen konnte. Doch darf man sich nicht mit dem Hinweis auf solche Einzelfälle begnügen, denn, wie Wilhelm Trübner einmal von den Malern sagte: Um Majore hervorzubringen, braucht man Bataillone. Dies gilt bestimmt auch für die Erzähler. Wo aber kommen sie zu Wort und was leisten sie?

Der Rowohlt-Verlag – in allen vier Zonen beheimatet – hat sich ihrer angenommen. Er hat einen Sammelband von Erzählungen veröffentlicht unter dem Titel "Tausend Gramm", der von Wolfgang Weyrauch herausgegeben ist. Der beginnt mit fünf Meisternovellen von Hebbel, Kleist, Maupassant, Tschechow und Hebel, damit gleich ein höher Anspruch angemeldet, ein großer Maßstab gegeben sei. Doch für wen? Der Sammelband enthält gute Erzählungen von Anton Betzner. Marie Luise Fleisser, Ernst Kreuder, Kurt Kusenberg, Luise Rinser, Ernst Schnabel und August Scholtis – doch die sind nicht mehr jung – er enthält auch eine Reihe Erzählungen von Autoren, die jung sind – doch die sind meist nicht gut.

Der gleiche Verlag hat auch zwei Bücher junger Dichter herausgebracht "Nachtfahrt" von Georg Hensel und "Leviathan" von Arno Schmidt. Niemand, der sie liest, könnte leugnen, daß die Autoren, denen wir sie verdanken, im echten Sinne dichterisch begabt sind. Auch über einige Erzählungen jüngerer Schriftsteller, die Wolfgang Weyrauch in seinen Sammelband aufgenommen hat, könnte man ein solches Urteil fällen. Warum also kauft sie niemand, warum werden sie nicht gelesen?

Die Antwort ist leicht. Diese Erzählungen und Romane spielen alle in Nirgendwo, im Reich einer leeren Phantastik, in der Eiswüste einer nihilistischen Kultur. Die Verfasser fühlen sich in dieser Atmosphäre ungewöhnlich wohl – man kann dies deutlich aus dem verworrenen Nachwort ersehen, das Wolfgang Weyrauch zu dem Sammelband "Tausend Gramm" geschrieben hat.

Sollte man diese Bücher also nicht lesen? Im Gegenteil – wer etwas von der kompaßlosen Situation unserer heutigen Jugend begreifen will, sollte sich ernsthaft mit ihnen beschäftigen. Vielleicht wird er dann zu seinem Entsetzen merken, daß die Jüngeritis offenbar zu einer Schriftstellerkrankheit unserer Zeit geworden ist. Das verträgt sich ausgezeichnet mit der Tatsache, daß auch in der Politik eherner Unsinn neuerdings zum Rang einer Maxime aufgestiegen ist.

Richard Tüngel