Von den Historikern mit Spannung erwartet, sind nach der Fülle deutscher Aktenpublikationen nun auch die ersten amtlichen Dokumente von britischer Seite veröffentlicht worden, (Documenta Ott British Foreign Policy 1919-1939). Sie werfen auf manche. Einzelheiten der Vorkriegspolitik ein neues Licht und belegen zum erstenmal dokumentarisch die nicht-offiziellen deutschen Schritte, insbesondere die Warnungen, mit denen die deutsche Opposition im Jahre 1938 die britische Regierung zu veranlassen suchte, eine energische Haltung einzunehmen. Aus Anhang IV des zweiten Bandesgeht hervor, daß das britische Auswärtige Amt sehr wohl Kenntnis hatte von. den Schritten, die der damalige deutsche Staatssekretär Ernst von Weizsäcker zur Verhinderung des Krieges im August und September 1938 Unternommen hat.

Angesichts dieser Veröffentlichung nun, erscheinen die Aussagen, die Lord Vansittart für die Anklagebehörde im sogenannten Wilhelmstraßen-Prozeß in Nürnberg gegen Herrn von Weizsäcker gemacht hat, höchst merkwürdig. In einer eidesstattlichen Erklärung vom 12. August 1948 hatte Lord Vansittart ausgesagt: "Ich habe Freiherrn von Weizsäcker als den Hauptausführenden (chief executant) vom Ribbentrops Politik angesehen. Ich kann mich an nichts erinnern, was mich glauben oder annehmen lassen könnte, daß er seine offizielle Stellung dazu verwandte, deren unheilvollen Lauf aufzuhalten. Nach (deiner besten Erinnerung wurd er mir niemals als ein überzeugter oder aktiver Gegner der Nazipolitik genannt oder über ihn in diesem Sinne berichtet".

Hören wir, was die Aktenpublikation hierzu zu sagen hat! Sie enthält unter Nr. 775 einen Drahtbericht des britischen Gesandten in Bern, Sir G. Warner,an das Foreign Office vom 5, September 1938, der auf Grund seiner Unterredung mit dem ehemaligen Völkerbundkommissar in Danzig Carl Burckhardt entstanden ist. Aus diesem Telegramm und dem ausführlichen Brief eines hohen britischen Völkerbundsbeamten, Mr. R. C. Skrine Stevenson, an Sir William Strang, den jetzigen Unterstaatssekretär des Foreign Office – der sich auf eben dieses Telegramm bezieht –, geht hervor, daß Herr von Weizsäcker über Herrn Burckhardt der britischen Regierung den dringenden Rat zugeben ließ, der Premierminister möge Hitler gegenüber unzweideutig erklären, daß falls ein deutscher Angriff auf die Tschechoslowakei erfolge, Großbritannien unvermeidlich gegen Deutschland zu Felde ziehen werde. Um die beabsichtigte abschreckende Wirkung auf Hitler ausüben zu können, müsse ein solcher. Schritt noch vor Ende des Parteitages in Nürnberg Mitte September erfolgen.

Wie ferner aus einem unter Nr. 337 abgedruckten Bericht von Sir Nevile Henderson an das Foreign Office hervorgeht, warnte Staatssekretär von Weizsäcker diesen noch während des Parteitages vor jedem Optimismus. In dem Bericht heißt es abschließend: "Ein bemerkenswerter Aspekt von Nürnberg war der finstere Pessimismus hier Mitglieder des Auswärtigen Amtes von den höchsten Mitarbeitern Ribbentrops abwärts, ihre Äußerungen über den letzteren waren einigen meiner Kollegen gegenüber so heftig, daß sie sich selbst damit gefährdeten. Niemand traut ihm."

Aus den amtlichen Dokumenten ist ersichtlich, daß Lord Vansittart auf das genaueste über die Warnungen der deutschen Opposition informiert war. Im gleichen Anhang IV findet sich beispielweise eine lange Aufzeichnung über eine Unterredung zwischen Vansittart und Herrn von Kleist-Schmentzien, einem Abgesandten der deutschen Opposition, die das gleiche Thema beraf.– Lord Vansittart hat offenbar ein besonders Schlechtes Gedächtnis.

K-t.