Bei einer Rauferei in New Orleans wurde einem Matrosen ein Fleischermesser mitten durchs Herz gestoßen. Er brach blutüberströmt zusammen und schien rettungslos verloren. Wenige Wochen später jedoch konnte er wieder zur See fahren. Er verdankt sein Leben einer Reihe glücklicher Umstände: man brachte ihn sofort in eine Klinik, wo schon eine halbe Stunde später die Operation begann. Er kam in die Hände eines kaltblütigen Chirurgen, dessen Diagnose "auf Anhieb" stimmte. Der Arzt öffnete die Brust und nähte das Herz mit acht Stichen wieder zusammen. Die eine Hand nähte, während sich die andere, dem pulsierenden Rhythmus nachgebend, um das in Strömen blutende Herz legte.

Ähnliche Meisterstücke der Chirurgie kennt man schon seit Jahrzehnten. Doch jeder operative Eingriff in den Brustraum ist mit hohem Risiko verbunden. Es ist seit langem der Traum der Chirurgen, das Herz für die Dauer einer Operation stillegen zu können und seine Funktionen von einem "künstlichen Herzen" ausüben zu lassen.

Als Pioniere dieser kühnen Idee haben sich drei Forscher besonders hervorgetan: Professor Clarence Craaford vom Carolinen-Institut, Stockholm, Professor André Thomas von der Sorbonne in Paris und Dr. John Gibbon vom Jefferson Medical College in Philadelphia. Ihre Versuche sind heute so weit fortgeschritten, daß sie Katzen, Hunden und Kühen das Herz abklammern und sie eine Stunde lang mit einem Ersatzmechanismus am Leben halten können. – Die Apparaturen, die sie verwenden, sind schaltbrettartige Kästen mit einer Unzahl von Skalen, Hebeln und Kabeln, die leicht wie ein Teewagen in den Operationsraum gerollt werden können.

Während dieser "Perfusionsapparat" in Betrieb gesetzt wird, werden Herz und Lunge aus dem Blutkreislauf ausgeschaltet, indem die Hauptschlagader und die große Hohlvene abgeklammert werden. Die Funktion des Herzens wird dann maschinell ausgeübt. Das Ersatzherz sieht aus wie eine winzige Ziehharmonika, wird mit einer Elektropumpe betrieben und führt frisches, von Spendern stammendes Blut durch eine Kanüle der Hauptschlagader zu. Dieser "Lebensmotor" kann auf einen Puls zwischen 60 und 120 Schlägen in der Minute eingestellt werden. Während das Blut durch das eine Ventil herausgepreßt wird und dann in das natürliche Gefäßsystem mündet, saugt die Pumpe durch ein anderes Ventil eine entsprechende Menge aus einer "künstlichen Lunge" an.

Bei der Konstruktion dieser Ersatzlunge ist man in Europa und Amerika verschiedene Wege gegangen. Bei der menschlichen Lunge ist es ja so: Zahllose Lungenbläschen bilden eine Aufsaugungsfläche von 180 Quadratmetern. Wollte man dieses System maschinell nachbauen, so würden Mammutapparate entstehen, die viel zu unhandlich und schwerfällig wären. Dr. Gibbon hat einen Zylinder konstruiert, in dem das Blut 50- bis 100mal in der Minute herumgewirbelt wird. Dabei wird es in einer ganz feinen Schicht an die Wände gepreßt, stößt die Kohlensäure ab und lädt sich mit Sauerstoff auf, der durch eine Düse eingeblasen wird. Die Professoren Craaford und Thomas führen den gleichen Prozeß in einem Kunstharzbehälter durch: das der Lunge zuströmende und mit einem Schlauch abgeleitete verbrauchte Blut muß durch einen Quarzsandfilter sickern, in dem es sich auf eine weite Fläche verteilt. Dabei wird es durch ein Sauerstoffgebläse erfrischt und tropft nun in den Behälter, aus dem es anschließend von der Herzpumpe stoßweise herausgesaugt wird.

So ist der künstliche Kreislauf geschlossen. Verschiedene SpezialVorrichtungen schützen die Qualität des Blutes: nirgends darf Luft eindringen, weil es sonst sofort zu Schaumbildung kommt, der Wassergehalt muß gleichbleiben, da das Blut sonst eindickt, ein Thermostat überprüft die Temperatur von 37 Grad, gegen eine mögliche Infektion wird Penicillin und zur Erfüllung der vielseitigen Stoffwechselaufgaben eine Lösung von Zucker, Fetten und anorganischen Salzen zugeführt. –

Dr. Gibbon wurden jetzt vom amerikanischen Gesundheitsministerium 27 000 Dollar zur Verfügung gestellt "für den Bau einer Maschine, die während einer Operation die Arbeit dies menschlichen Herzens und der Lunge ausführt". Da solche Unterstützungen nur nach Prüfung durch führende Fachärzte gewährt werden, nimmt man an, daß Dr. Gibbon das Problem der künstlichen Lunge endgültig gelöst hat und der Verwirklichung des künstlichen Menschenherzens sehr nahe ist. – Kann das lebendige Herz isoliert und die Durchblutung unterbunden werden, so wird das nicht nur eine segensreiche Hilfe für die in sich seltenen Fälle von Herzverletzungen sein. Viel bedeutsamer ist die Tatsache, daß man dann bei zahlreichen Herzkrankheiten, denen man heute noch ohnmächtig gegenübersteht, genau die Ursachen erkennen wird und sie operieren kann, ohne daß es dabei auf jede Sekunde ankommt. Wolf Schirrmacher