München, im November

Im Sommer kam eine Truppe von New York via Kronborg (Dänemark) nach München, um der Army den Hamlet auf amerikanisch zu spielen – wovon einige dazu geladene Deutsche profitierten. Diesmal kamen die Spieler der bedeutendsten Negerhochschule, der Howard Universität in Washington, gleichfalls über Skandinavien, wohin sie der norwegische Botschafter eingeladen hatte. Darob hatten sie in ihrem Repertoire auch einen Ibsen und "Fräulein Julie" von Strindberg. Aber im Münchner Schauspielhaus haben sie "Mamba’s Daughters",ein Negerstück von Dorothy und Du Bose Heyward, gespielt, vor etwas weniger Army und sehr viel mehr geladenen Deutschen als die New Yorker im Sommer.

War schon der Hamlet befremdlich gewesen, wieviel mehr Anspruch darauf durfte dieses sprachecht und farbecht gespielte Negerstück machen, das sich gar nicht erst auf Shakespeare berief. Aber sprach echt? Farbecht? Hier stock ich schon. Eins um andre ist nur mehr so bedingt richtig, daß man sofort begreift, warum die nordamekanischen Schwarzen Wert darauf legen, nur "coloured" gentlemen geheißen zu werden. Denn was die Farbe betrifft, so sind viele eher weiß als schwarz und unsern sommerlichen Sonnenanbetern an Farbtiefe schmählich unterlegen. Aber "Mamba’s Daughters" belehrte uns, daß gerade diese Skala (von Stiefelwichsschwarz über Schokoladebraun durch alle Tönungen von Karamelcreme und Kaffee verkehrt bis hin zu einem nur noch leicht angepfefferten Weiß), daß-sie ein Schicksalszeichen ist und einen tragischen Untertan in sich hat. Denn dieses Stück spiegelt das Los von Generationen Negerinnen, die alle, in jugendlichem Alter verführt, immer heller werdende Kinder ohne Vater aufziehen, was die recherche de la paternité zwar nicht erfolgreich machen würde, aber halbwegs richtungssicher.

Überhaupt, man muß es schon sagen, kommen die Weißen nicht gut weg in Mamba’s Daughters; von innen her sind eigentlich sie die Schwärzeren. Es beginnt damit, daß die junge allzu kräftige Hagar vor dem Richter steht, weil sie einen "solchenen", der ihr mit unbezahlter Wäscherechnung durchgehen wollte, so energisch am Halse festhielt, daß ihm für immer die Luft wegblieb. Sie muß fünf Jahre mit Bewährungsfrist auf einer Farm arbeiten, darf die Stadt nicht betreten. Aber just im fünften bringt sie einen von allen liegengelassenen, messergestochenen Weißen dorthin ins Krankenhaus. Hagar erblicken und auf fünf Jahre einsperren, ist für die Polizei eins, die das Gleichnis vom barmherzigen Samariter nicht schwarz auf weiß zu besitzen scheint.

Inzwischen wächst Hagars Uneheliches (siehe oben) bei Großmutter Mamba groß, hübsch und stimmgewaltig heran. Aber auch Lissa entgeht Mutters und Mambas Schicksal nicht, und es ist just der von Hagar gerettete Weiße, der es der Kleinen bereitet. Ja, damit nicht genug, erpreßt er von der Mutter das viele von New York brav heimgeschickte Geld, das Lissa als Sängerin verdient, indem er droht, sie wegen Kindesmords anzuzeigen. Aber Lissas Uneheliches (siehe oben) war wirklich tot zur Welt gekommen. Nun wird’s der sanften Hagar endlich doch zu bunt. Nachdrücklich legt sie dem bleichgesichtigen Anschwärzer die Hände ums Hälschen; diesmal mit voller Absicht. Darnach nimmt sie Abschied von allen und erschießt sich mit seinem Revolver, bevor die Polizei sie ausfragen und wieder alles durcheinanderbringen kann.

So viel Schwarz-Weiß-Effekt wirkt, spätestens beim Nacherzählen, komisch. Merkwürdig nur, daß dies bei der Aufführung nicht hervortrat. Echte Naivität, Gott sei Dank, hat noch immer etwas Entwaffnendes. Und die Rose-Bernd-Atmosphäre einer heillosen Verstrickung, in die gerade das Naturkräftigste gerät, wurde von den Howard-Studenten, insbesondere der Hauptdarstellerin Mary E. Nelson (Hagar), völlig überzeugend vermittelt. Diese erinnerte, im besten Sinne, an eine junge Kuh: so sanftäugig, lebenswarm, kraftvoll und geduldig, so arglos und nimmer begreifend, wieso sie alles so dumm, so ‚falsch‘ machte. Höhepunkte der Darstellung waren immer auch die gesungenen, vor allem die religiösen Szenen. Eine fremde Welt, die da im Tanz, in Jazzrhythmen oder mit Kopfwenden (wie wenn sie ihn sähe) sich zu Gott wendet! Fremd, aber nicht unbegreiflich, also wohl immer noch echt. Echt auch das Zusammengehörige, die Familiaritas dieser Leute, in deren Mund die Anrede "Brüder" oder "Schwester" nicht phrasenhaft klingt, und die, das spürt man, ein Stück ihrer selbst verlieren, wenn eine in ihr Schicksal hinein und fort muß wie Hagar. All das erscheint uns (die das weitgehend verloren, ohne Besseres einzutauschen) um so rührender, als diese Schwarzen ihr Herz einem fremden, auf ihren Zungen nicht leichter verständlichen Idiom anvertrauen müssen. – dem Idiom derer, die sie, alles. Leid ungeachtet, tief bewundern und sichtlich, wenn auch oft linkisch, nachahmen.

Nein, Urwaldtheater war das nicht. Eher trauervoll süße, späte Ballade von Vertriebenen, denen sich Unheil vielleicht doch langsam zum Heile wendet. Im Zuschauerraum erstand gleichsam das Gegenbild: in jenen schwarzen Army-Angehörigen, die blonde weiße Frauen neben sich hatten. Wegen der drüben so langsam fortschreitenden Gleichberechtigung bat eben erst Präsident Truman seine farbigen Bürger um "nachsichtige Geduld". Ob darüber hinaus die Vermischung, sohin oder sohin, dem ersehnten Heiledient, darauf geben "Mambas Töchter" eine skepticshe, ja fast tragisch-antike Antwort. Ob das Menschliche gewinnt durch Auslöschen seiner Varietäten, das bleibt doch immer zu fragen, mag diese Frage auch heillos kompromittiert erscheinen. Denn darauf einzig käme es an, daß alle im vollen Sinn des Wortes als Menschen, nicht als Tiere die einen, nicht als Götter die andern, genommen werden. Was Hagar erleidet, ist im tiefsten auch unser aller Leid. Die "Färbung" ist nur ein Akzident.

Hanns Braun