Von Charlotte Schönfeldt

HerfordEnde November Wenn man bei sinkendem Abend von Herford über Bünde in Richtung Rades fährt, blinkt zwei Stationen hinter Lübbecke, plötzlich im Walde ein Licht auf. Noch eins, ein weiteres und noch ein anderes. An verschiedenen Stellen sammelt sich strahlende Helle, die gegen den nächtlichen Himmel schlägt – Sammelpunkte werktätigen Schaffens. Und man ahnt schon im Vorüberfahren: dort wächst eine Stadt! Das ist Espelkamp, einst ein Munitionslager, gut getarnt und daher kaum auffindbar in westfälischer Landschaft. Heute Siedlung der Aufbaugemeinschaft des Evangelischen Hilfswerkes. Dieses Espelkamp – so genannt nach einem drei Kilometer entfernten Dorf – ist in seiner Größe von 1200 Morgen durch die Lichter gleichsam abgesteckt. Von nun an soll es sich organisch weiterentwickeln zu einer Stadt von acht- bis zehntausend Einwohnern. Aber demjenigen, der Espelkamp betritt, prägt sich schon jetzt der Eindruck auf, daß diese Stadtplanung in nicht ferner Zeit über sich selbst hinauswachsen werde...

Freilich, der Planungsstatistiker glaubt es in der Hand zu haben, die neue Stadt nach Wunsch begrenzen oder ausweiten zu können. Denn wie überall im heutigen Deutschland das Zuzugsverbot manche Aktivität hemmt, so gebietet es auch in Espelkamp vielen Plänen des einzelnen Halt. Nicht jeden Beliebigen läßt das Gremium der Aufbaugemeinschaft nach Espelkamp, hinein. Wer dort Fuß fassen will, muß ein Könner sein und obendrein ein: Charakter. Aber können Menschen solch ein Werturteil ohne weiteres über andere abgeben? Können sie ahnen, wie die Neulinge sich entwickeln werden? – 1200 Menschen einschließlich der Kinder sind bisher nach Espelkamp, gezogen. Versagt hat noch keiner. "Die Härte des Ostmenschen wird sich durchsetzen", sagt einer der führenden Männer der Aufbaugemeinschaft. Damit sollte nicht dokumentiert werden, daß die neue Stadt ausgesprochen "ostdeutsch" werden soll. Espelkamp soll eine deutsche Stadt werden. Doch da der Kreis Lübbecke, zu dem Espelkamp gehört, 12 000 Flüchtlinge und 10 000 Bombengeschädigte beherbergt, von denen früher 53 v. H. in selbständigen Berufen arbeiteten, so ist es vielleicht verständlich, daß vorerst nur Anträge von Zuzugwilligen aus diesem Kreis Berücksichtigung finden.

Die Zusammensetzung der Espelkamper Bevölkerung ist bunt. Es bewarben sich beispielsweise 3942 Schlesier, 1022 Pommern, 879 Ostpreußen, 595 Westpreußen, 257 Sudetendeutsche und 159 Danziger, um nur die Anwärter aus dem Osten zu nennen. Darunter waren 451 berufslose Hilfskräfte, 243 Bauhilfsarbeiter, 229 Büroangestellte, 109 Dreher und Schlosser, 94 Maurer, 52 Zimmerer, 2 Glaser und 60 Schneider. Es bewarben sich – und wiederum sind nur einige herausgegriffen – drei Viehhändler und Fleischbeschauer, sieben Hebammen, 23 Ärzte, darunter Zahnärzte und Dentisten, sieben Juristen und Rechtsanwälte. Es bewarben sich 125 Textilindustrien. Aber die Herkunft der Espelkamper ist viel deutlicher dadurch gekennzeichnet, daß sie alle aus Not und Verarmung kamen, aus der sie sich zu befreien streben oder zu einem gewissen Teil gar schon befreit hatten, ehe sie nach Espelkamp übersiedelten.

Charitas als Startbasis

Schwester Luise, die in Espelkamp die fürsorgerischen Einrichtungen betreut, erzählt, daß 1947 Espelkamp von den Engländern dem Evangelischen Hilfswerk übergeben wurde. Zuerst entstand ein Kinderheim. Ferner wurde Espelkamp eine Stätte für Heimkehrer, dann auch ein "Auffanglager" für Jugendliche aus der Ostzone, die dort bis zu sechs Wochen verweilten. Noch heute befinden sich in einem Fürsorgeheim etwa 70 Kinder im Alter von vier bis zwölf Jahren. In einem Altersheim hingegen sind 15 alte Mütterchen untergebracht. – Von einer Gemeinschaftsküche werden täglich 600 Menschen verpflegt.

Die Gebäude in Espelkamp sind durchweg Hallen in der Größe von 200, 500 und 1000 Quadratmetern. Für Industriebetriebe sind diese Hallen besonders gut geeignet, zumal sie ein starkes Betonfundament haben, das die Aufstellung schwerster Maschinen erlaubt. Aber die Anziehungskraft Espelkamps für Industriebetriebe ist auch deshalb stark, weil das große Gelände mit Gleisanschlüssen durchzogen ist, die zur Hauptstrecke Bremen–Frankfurt und zum Mittellandkanal führen. Idealer also kann kaum eine Industrie gebettet sein. Und es hat den Anschein, als ob das Produktionszentrum Espelkamp sich durchsetzen werde. Espelkamp hat sich sogar schon dazu aufgeschwungen, ein eigenes Warenzeichen für seine Erzeugnisse zu kreieren. Soll man dieses Zeichen als das zwiegespaltene Flußbett der Oder-Neiße deuten, über das wie eine Brücke der Querbalken führt? Oder ist dieser Querbalken Kreuzsymbol? Erkennt der Tiefsinnige in der ausgezogenen Wappenspitze die Herzform? jenes Herz, das an der Heimat hängt, das Herz, das sich neu im deutschen Heimatboden zu verwurzeln bestrebt ist? "Wotan", der Schöpfer dieses Symbols, schweigt sich aus. Nennen sie ihn "Wotan", weil er wie ein Wettergott mit wallender Mähne täglich durch das Gelände jagt? Mancher im Gelände hat seinen Spitznamen. Und wo es Spitznamen gibt, da gibt es auch Gemeinschaft.