Philosophen prägen das Bild der Zeit

Von Paul Hühnerfeld

Berühmt und berüchtigt wurde der Roman des französischen Existentialisten Jean Paul Sartre "Der Ekel" bei uns, noch bevor wir ihn in deutscher Sprache lesen konnten. ("Die Zeit" brachte einen Vorabdruck am 15. April 1946.) Aber nun hätt ihn der Rowohlt-Verlag (Hamburg) zusammen mit einem weiteren Roman Sartres ("Zeit der Reife") in Deutschland herausgebracht, "Der Ekel" wurde von den literarischen Kritikern als Sammlung der Beobachtungen eines Snobisten, von den philosophischen Kritikern vielfach als Perversion einer von den deutschen Philosophen Husserl und Heidegger stammenden, zunächst noch "ganz vernünftigen" philosophischen Richtung (der Existenzphilosophie nämlich) bezeichnet. Und um das Maß voll zu machen, tat ihn die katholische Kirche auf den Index. Aber dies letzte spricht im gewissen Sinne nicht unbedingt gegen den Roman: denn die Bücher, die dieser großzügigen Zensur zum Opfer fielen, hatten doch alle zumindest eine gewisse Bedeutung. Und der Stabbruch der römischen Curie über Sartres "Ekel" reiht sein Buch in jene Reihe von Werken ein, unter denen immerhin einige Absätze aus den Predigten Meister Ekkehards oder etwa die Schriften eines gewissen Galilei zu finden sind ...

Sartres Werk ist in der Tat ein Buch von durchgreifendem geistigen Gehalt, obwohl – oder vielleicht gerade weil – all die negativen Anmerkungen der Kritiker zutreffen. Denn der "Held" des Romans, der Mann, den in einer französischen Stadt der Ekel vor sich selbst und den Dingen packt, der "nichts mehr von seinem Gesicht versteht" ("andere Gesichter haben einen Sinn. Meines nicht"), ist nicht frei von Snobismus. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Nacktheit seiner Existenz ihm nicht zuletzt deshalb von solcher Widerlichkeit erfüllt scheint, weil er sie anstarrt wie ein indischer Fakir seinen Bauchnabel –: nur daß sie sich bei solcher permanenten Musterung nicht verflüchtigt (wie der Körper des meditierenden Inders), sondern zu einem einzigen "schwammigaufdringlichen Brei" wird. Aber auch die Dinge geraten in Aufruhr sie verlieren ihr vom Menschen gedachtes Sosein (die "Essentia" nannte es die Scholastik). übrig bleibt eben die nackte Existenz. Ohne Zweifel liegt hier dasselbe Erlebnis zugrunde, das in der modernen Kunst so oft beschworen wird – vielleicht am deutlichsten in Paul Klees "Revolution der Viadukte", jenen Brückenbogen (reproduziert in der "Zeit" vom 30. Dezember 1948), die nicht mehr Brückenbogen sein wollen, die ihre, ihnen vom Menschen zugeordnete Stelle in der Welt verlassen und nun in ihrem bloßen Dasein leer und unheimlich aus dem Bilde auf den Betrachter zukommen. In Schwierigkeiten gerät Sartre, wo er seinen mittelalterlichen Existenzbegriff für den neuen der deutschen Existenzphilosophie einsetzen will So hat sich Heidegger in seinem "Brief über den Humanismus" von seinem französischen Schüler losgesagt, und Jaspers hat schon in der ersten Nachkriegsschrift "Vom philosophischen Glauben" scharfe Worte gegen Sartre gefunden. Aber es gibt Stellen in dem Buch, die ganz nah an den größten Wegbereiter moderner Philosophie, an Kierkegaard und seine Lehre von der "anonymen Masse" erinnern: "Der feine Herr, er existiert, es existiert die Ehrenlegion, der Schnurrbart. Wie glücklich muß der sein, der nichts ist als Ehrenlegion und Schnurrbart..." – Von der Philosophie her gesehen ist Sartres Versuch "Heidegger und Descartes zugleich zu sein" (so formulierte Egon Vietta Sartres Bemühung einer Synthese zwischen mittelalterlicher und moderner Philosophie), gescheitert. Übrig bleibt der Mann, dem alles nichtig wird, weil es ist. Das ist vielleicht die letzte Konsequenz der sich seit Nietzsche anbahnenden modernen Erfahrung von der Brüchigkeit der Welt. – Es wäre falsch, den Helden des Buches als einen Wahnsinnigen zu empfinden An seinen Erfahrungen hat jeder Europäer von heute mehr oder weniger starken Anteil. Wir können eher von einer notwendigen Stufe sprechen, die wir alle durchmachen müssen, um wieder menschlicher zu werden.

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Diese Stufe des redlichen Durchgangs durch das Nichts hält Karl Jaspers in allen seinen Nachkriegsschriften für überwunden. In seinem neuesten. Werk "Vom Ursprung und Ziel der Geschichte" (R. Piper Verlag München) geht es ihm um die Erhellung dessen, was Geschichte überhaupt ist. Die abendländische Geschichte sieht er dabei als von einer "Achsenzeit" bestimmte. Die "Achsenzeit" liegt nach Jaspers Darlegungen von 800 bis 200 vor Christus; in dieser Zeit wirken in China Konfuzius und Laotse, in Indien Buddha, in Palästina die Propheten, in Griechenland Plato, Aristoteles und die großen Tragödiendichter; Männer, aus deren Gedankengut sich die gesamte ostasiatische, indische und europäische Geschichte entwickelt hat. Bei dieser Einteilung berührt es merkwürdig, daß die Zäsur nicht mehr mit dem Leben Christi einsetzt; eine historische Betrachtung, die doch bisher üblich war.

Insbesondere aber bemüht sich Jaspers – typisch für seine gesamte Philosophie, die ja eine Philosophie der Grenzphänomene ist – um die Anleuchtung der Abgründe, von denen menschliche Geschichte umstellt ist von Natur, Kosmos und Vorgeschichte. Sie sind ohne mit ihrer Gesamtheit in den geschichtlichen Raum einzutauchen, Grund für die Geschichte; die nach der Definition Jaspers mit den ersten handschriftlichen Überlieferungen einsetzt. Da der Mensch das Kapital für sein geschichtliches Wirken aus der Vorgeschichte mitbringt, ist er in gewissem Sinne immer noch ein Steinzeitmensch und kann jederzeit in einen Urzustand zurückfallen Die geistige Tradition, die Jaspers der biologischen Vererbung gegenüberstellt, ist eine "absolut gefährdete". Sie kann eines Tages verloren, vergessen oder nicht mehr verstanden werden. Gerade die Krise der Gegenwart deutet auf solchen Bruch hin. Jaspers befürchtet eine völlige Lösung von der bisherigen "Achsenzeit" –: die zukünftige Geschichte wird vielleicht eine neue Achse haben, die freilich mit dem Aspekt von heute noch nicht zu erfassen ist.

Das fesselnde Buch hat zwei Schwächen: die eine ist der Stil, der sich leider, von falschen Bildern nicht freihält und dadurch einfache Dinge schwer verständlich und die Wahrheit der Aussage verdächtig macht. Die zweite ist noch bedenklicher: sie besteht in einem wütenden Ausfall auf Heidegger (ohne dessen Namen zu nennen) und bezeichnet sein Denken als Denken "mit dürftigem Gehalt". Eine solche Verirrung ist ohne Zweifel eines Autors vom Range Karl Jaspers ebensowenig würdig wie sie der Philosophie des Freiburger Denkers oder dem Adel einer echten philosophischen Aussage entspricht.

Philosophen prägen das Bild der Zeit

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Diesem Freiburger Philosophen Martin Heidegger – haben die Verfasser des "Symposion" – "Jahrbuch für Philosophie" (Karl Alber Verlag, Freiburg) – den ersten Band ihres Werkes zum 60. Geburtstage gewidmet. Herausgeber ist der Philosophieprofessor Max Müller, der im Vorwort eine Feststellung trifft, die beachtet zu werden verdient: "Die Zeit von 1918 bis 1932, viel geschmäht... ist durch den unerschöpflichen Reichtum der Anregungen Schelers, die klare Intellektualität Hartmanns, die weltweite Aufgeschlossenheit von Jaspers und den genial bohrenden Tiefsinn Heideggers für uns eine Blütezeit gewesen, wie wir sie seit dem Ende der romantischen und idealistischen Bewegung im Jahre 1831 nicht mehr erleben durften." Hier wird ausgesprochen, was im Zuge einer allgemeinen Minderbewertung unseres Zeitalters oft vergessen wird: wir leben in einer Blütezeit der deutschen Philosophie. Denn auch nach 1945 sind diese Philosophen mit neuen großen Werken hervorgetreten. In der Philosophie – das beweisen die Aufsätze des "Symposion" erneut – haben die deutschen Denker ihre Weltgeltung behalten. Unter den Beiträgen des vorliegenden Buches ragen vor allem die Interpretation Walter Rehms "Rilke und die Duse" (sein Buch über Kierkegaard besprach "Die Zeit" in ihrer Ausgabe vom 7 Tuli 1949), Willy Stadlers "Was ist Friede" und Wolfgang Struwes "Interpretationen zu Kierkegaard und Nietzsche" hervor,

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Die philosophische Situation der Gegenwart vernachlässigt bei aller Behandlung der modernen Menschheitskrise die klassische Philosophie nicht. Davon gibt eine neue Übertragung von "Platons Gastmahl" Auskunft, die der Hamburger Altphilologe Bruno Snell im Marion-von-Schröder-Verlag, Hamburg, herausgab. Schönheit und Einfachheit der Sprache verbinden sich in dieser Übersetzung mit der größtmöglichen Genauigkeit bei der Übertragung des griechischen Textes. So wird die Rede, die der trunkene Alkibiades auf Sokrates hält, auch im Deutschen die Rede eines begeistert liebenden griechischen Jünglings: "... So lauf ich weg von ihm und fliehe und wenn ich ihn sehe, schäme ich mich ... und oft wäre ich froh, ihn nicht mehr unter den Lebenden zu sehen. Doch weiß ich, wenn das geschähe, wäre es nur noch schwerer ..."

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Es ist nicht zuletzt Herder, der durch mannigfache Verbindungen – über Goethe, Jacobi und Schlegel – bis in die Gegenwart hinein lebendig bleibt und wirkt. Und zwar nicht nur unter dem gänzlich neuen Aspekt, den er der Literatur und Literaturgeschichte durch seine Entdeckung der Volksdichtung gab. Auch sein philosophisches Gedankengut ist von größter Wichtigkeit geblieben. Sein Begriff der Geschichtlichkeit des Menschen, seine Lehre von der Humanität, seine mannigfachen Verbindungen zum Geistesgeschehen seiner Zeit – dies alles dargestellt zu haben in knapper klarer Sprache ist das Verdienst von Alexander Gillies, dem Ordinarius für deutsche Sprache und Literatur an der Universität Leeds. "Herder – der Mensch und sein Werk" nennt er das 1944 geschriebene Buch, das jetzt auch in Deutschland (Marion-von-Schröder-Verlag, Hamburg) erschien. Es ist das schönste Ergebnis dieses Buches, durch die Darstellung von Herders Leben und Werk eben diese Bedeutung des Denkers bis in die Gegenwart hinein erneut klargelegt zu haben.