Von Walter Fredericia

Vor kurzem hätte man sich noch fragen können, ob die "Lettres sur la Bombe Atomique", die Denis de Rougemont im Herbst 1945 unter dem Eindruck der Katastrophe von Hiroshima in der amerikanischen Gelehrtenstadt Princeton schrieb, noch den Wert der brennenden Aktualität besitzen, aus der sie damals entstanden sind Es trifft sich, daß uns die deutsche Ausgabe (Über die Atombombe, Amandus-Edition, Wien) in einem Augenblick vorliegt, in dem die Atomexplosion in der Sowjetunion diese Frage in der unheimlichsten Weise bejaht hat.

Denis de Rougemont hat die Atombombe nicht vom physikalischen, technischen oder politischen Standpunkt aus behandelt. Er hat sich auf eine höhere Ebene gestellt, auf die menschliche. So ist das Thema seiner Briefe der Mensch selbst.

Eine der Thesen des Buches ist die von der Phantasielosigkeit des Menschen Der Autor ist verblüfft von der "Trägheit und Gestaltlosigkeit in der Vorstellungskraft unseres Jahrhunderts". Deshalb steht der Mensch vor dem neuen Zeitalter "blöder als der Ochse am Berge" Er kann sich die Folgen dessen, daß bald überall genug Atombomben vorhanden sein werden, um jeden beliebigen "Feind" bis auf die Wurzeln zu vernichten, nicht klarmachen und sucht deshalb durch fleißige Arbeit irgend etwas vorzukehren, was dann doch sinnlos ist. Zum Beispiel will er die Städte in der Erde verschwinden lassen. (Ein Reflex der Scham, sagt Rougemont.) Oder er will seine Armee verdoppeln, ohne zu bedenken, daß Atombomben sogut mit dem Raketengeschoß wie mit dem Postpaket versandt werden können. überall sieht man diese Phantasielosigkeit am Werke. Die Atombombe schafft zwar den Krieg ab, nämlich den Krieg in seiner alten Form, mit Generalen. Majoren. Feldwebeln, aber die Generale sehen das nicht ein. Sie wollen des Krieg nicht an die bebrillten Gelehrten abgeben "Stel’en Sie sich", sagte ein – übrigens sehr bedeutender – General vor einem Kongreßausschuß, "zwei Gelehrte vor. den einen in Deutschland und den anderen in Washington. Ein jeder drückt auf einen Knopf, und eine schreckliche Explosion ereignet sich im Lande des andern Der Vorgang wiederholt sich bis zu dem Tage, an dem sich jemand eines der beiden Knöpfe bemächtigt. Dies aber setzt das Vorhandensein einer bewaffneten Macht voraus." Die Generale folgern also, daß der Atomkrieg ihre Wichtigkeit noch erhöht. Der Pessimismus der Briefe über die Atombombe scheint nicht zuletzt auf dem Gedanken zu beruhen, daß unter solchen Umständen auch ihre Macht weiter steigen wird. Tatsächlich zeigt sich jetzt, daß die Atombombe, besonders seit sie auch in russischer Hand ist, der US-Administration ein paar ganz gute Dienste leistet.

Denis de Rougemont beschäftigt sich mit vielen Aspekten des Atomzeitalters Wird man die Atomwaffen nicht gebrauchen, wie man im lernen Krieg das Giftgas nicht gebraucht hat? Erst kürzlich hat der deutsche Physiker Professor Hahn das behauptet. Rougemont ist anderer Meinung: Der militärische Wert der Gaswaffe war nicht so bedeutend, daß Hitler das moralische und das Vergeltungsrisiko auf sich nehmen wollte. Mit der Atombombe aber liegt der Fall anders: "Ichwiederhole Ihnen, daß sie die Möglichkeit einer Wiedervergeltung ausschließt das heißt, sie wird im militärischen Sinne die Bedeutung einer Entscheidungsschlacht haben. Sie wird daher auch das Gewissen des etwaigen Angreifers ruhig schlafen lassen. Denn unser Gewissen regt sich im allgemeinen nur infolge einer raschen Bewertung der unangenehmen Folgen, die unsere Handlungen für uns selbst haben könnten.

Rougemont geht nicht vom Moralischen aus, wenn er auch vom schlechten Gewissen der Gelehrten spricht, die die Atommassenmorde ermöglicht haben. Er geht vom Rationalen aus; er fragt, ob wir denn alle verrückt geworden sind. Niemand wird bezweifeln, daß diese Frage berechtigt ist. Der Autor bekräftigt sie mit zahlreichen Aphorismen So über die Politik: "Der Sieg über die Totalitären faschistischer Färbung hat in der ganzen Welt die Totalitären demokratischer und sowjetischer Färbung an die Macht gelangen lassen. Einige kleine Unterschiede in der Terminologie trennen sie noch; sie sind entschlossen, sich zu schlagen aber ein jeder glaubt, daß der andere es nicht glaubt " Oder: "Nichts läßt den Menschen so gleichgültig wie das Schicksal der Menschheit, von dem die Staatsoberhäupter soviel reden" Und: "Was heute die Nationen der Vernichtung zutreibt, das ist ihr Bestreben, sich mit dem Staat zu identifizieren, das ist der Wille der so entstandenen Nationen-Staaten, im Hinblick auf einen Krieg möglichst autark zu sein, sei es, daß sie diese Möglichkeit fürchten oder sie herbeiwünschen. Der Staat vernichtet notgedrungen die Eigenarten einer Nation, sobald er bestrebt ist, seine Energien nach einem Vorbild zusammenzufassen, das überall gleich ist, ob es sich nun um eine lateinische oder angelsächsische, um eine sozialistisch oder kapitalistisch eingestellte Nation handelt. Dieses Vorbild ist das des totalitären Staates, das heißt des Staates, der sich in einem ständigen Kriegszustand befindet. Daher ist der Feind der Nationen der Staat und ihre Rettung wäre eine Weltregierung.."

Dies könnte wie ein Hoffnungsschimmer aussehen, aber Rougemont glaubt im Grunde auch an die Weltregierung nicht. Sie könnte zwar das Problem lösen, aber die Politiker sind nicht fähig, sie zu errichten. Es ginge nur, "indem man die Sorge, die internationalen Angelegenheiten zu regeln, Männern überträgt, die nicht Nationen, sondern die Menschheit vertreten. Denn nur diese werden die für Schiedsrichter nötigen Eigenschaften besitzen".

Aber wo soll man solche Männer in einer Welt finden, die aus Nationen besteht und in der der Ausweis über die Staatsbürgerschaft das wichtigste Dokument ist?