Über die Liebe philosophieren – was beiläufig an jedem Biertisch passiert – kann man auf verschiedene Weise. Eine ganze Skala von Möglichkeiten, von der abstrakten Analyse bis zur gewagten Zote, steht zur Verfügung, fast ebenso umfangreich wie die der Nuancen der Sache selbst, welche vom platonischen Pathos bis zur plumpen Brutalität gehen. Allein, in dieser ganzen Unendlichkeit läßt sich ein Problem ausfindig machen, das von wirklicher Bedeutung ist und das, wenn es gelöst werden könnte, uns den Schlüssel zur Beurteilung aller anderen Probleme geben möchte. Es liegt in der merkwürdigen Tatsache, daß der Mensch sich verliebt, das heißt, daß er nicht einfach dem Trieb folgt, sondern bei der Auswahl seines Partners einen Eigensinn entwickelt, der ihn oft in die größten Schwierigkeiten, ja manchmal in Selbstvernichtung und Tod treibt. Auf dieses eigentliche Thema jeder nützlichen Philosophie der Liebe, dessen sich Schopenhauer ("Metaphysik der Geschlechtsliebe") und Ortega y Gasset ("Über die Liebe"; neu erschienen in der Deutschen Verlags-Anstalt G. m. b. H., Stuttgart) mit dem größten Erfolg angenommen haben, geht der "Traktat vom Eros" (von Leo F. Kotta, Verlag Kurt Desch, München) kaum ein. Vielmehr sucht er die Sache in ihrer ganzen Weite zu fassen, wodurch, weil die allgemeinsten Begriffe immer die leersten sind, die ganze Abhandlung etwas farblos wird. Eros – ist dann nur noch der "Reaktionszwang", der durch die Natur geht, also die Kehrseite des Gesetzes von Ursache und Wirkung. Immerhin liest man: "Alle Verliebtheit und erst recht alle Leidenschaft erhöht den Partner, dem sie einen einmaligen Wert verleiht... Auf ein Piedestal stellen, anbeten, zum -Gegenstand der Sehnsucht machen kann man nur einen oder eine – eben den, der alles Geheimnis des Geschlechtes mit allen Reizen der bestimmten Persönlichkeit vereint, daher dieses wunderbare Ereignis so nicht wiederkehrt." Offenbar ist der (Verfasser also der Meinung, daß das Kapriziöse am der Liebe subjektiv, das heißt nichts als Einbildung sei; womit er bei den Verliebten eine übte Aufnahme finden wird. In einem tieferen Sinn ist eine solche Erklärung, die auch schon Stendhal mit seiner Kristallisationstheorie in seinem allerdings viel muntereren Buch "Über die Liebe" gegeben hat, ziemlich wertlos, weil sie nicht mehr besagt als: "Ich liebe sie, weil ich will, daß ich sie liebe." Wäre es so, dann würde es niemals zu der Besessenheit kommen, in der Tausende zu Mördern und zu Selbstmördern wurden. In Wirklichkeit liegt das Problem der heftigen Ausschlußlichkeit viel tiefer, und das, was Kotta die Erhöhung des Partners, Stendhal die Kristallisation nennt, das sind nur die Rechtfertigungen, mit denen wir uns und andere über die Unbegreiflichkeit der Sache hinwegzutäuschen trachten. "Um mit dem Eros", meint Kotta, "zur Verständigung zu kommen, und sei es auch nur unter dem Gesichtspunkt der Einordnung, muß man sich mit ihm vertraut machen." Offenbar meint er, daß dies am besten durch Lektüre geschieht. Die meisten tun es auf andere Weise, P.

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Es war noch in den Tagen der "Vossischen Zeitung", als Bernhard Zebrowski zuerst als ein Plauderer von Humor, Skurrilität und manchmal poetischer Melancholie auftauchte. Viele "Voss"-Leser von damals werden ihm heute gern als dem Autor eines kleinen Buches begegnen, das der Oswald Arnold Verlag in Berlin herausgebracht hat. Denn auch an Herbst- und Winterabenden ist der sommerliche Einfall der Novelle recht genußreich, da in guter alter Zeit – bevor es noch einen Hitler, geschweige denn eine Ostzone gab – ein gutes altes Ostseebad durch ein vagabundierendes Zirkuskamel in Aufregung versetzt wird. Zebrowski erzählt ganz in seiner Art! melodisch und als Sprachjongleur der Dialekte, unbeschwert und leise karikierend. Ein Schmunzelbuch. M.