Von Johann Jakob Häßlin

Bibliophile leiden an unglücklicher Liebe zu Büchern. Diese Liebe ist ungücklich, weil sie maßlos ist. Ich denke dabei nicht gerade an. Menschen wie etwa den berühmten Magliabecchi, der beinahe unter seinen Büchern erstickt wäre, sondern gerade an den "normalen" Bibliophilen. Seine Leidenschaft kann nie befriedigt werden. Es gibt kein Gebiet der Bibliophilie, das nicht unerschöpflich wäre. Nehmen wir an, es sammle einer die Drucke des großen Gian Battista Bodoni, so wird er sich nicht damit begnügen, etwa den stattlichen Horaz zu besitzen und den kleinen eleganten Band des "Bardo della Foresta Nera" von Vincenzo Monti, sondern er wird auch das berühmte Musterbuch, vielleicht auch gar die Epithalamia sein eigen nennen wollen, und das wird nicht wenig Mühe kosten.

Vielleicht fährt er eigens nach Saluzzo; er geht verwundert durch die leeren Gassen der Altstadt. Seine ganze Liebe gehört dem schmalbrüstigen Haus in der Via Bodoni, in welchem sein Abgott das milde Licht Piemonts zum ersten. Male erblickte. Schauer der Ehrfurcht rauschen aus seinen Fenstern auf den Fremdling nieder, und Gian Battistas Geist redet ihn an, der Geist des schöpferischen Bibliophilen. Dann begibt sich unser Freund in die "Corona d’Oro" oder, in den "Gallo d’Oro", bestellt sich ravioli alla piemontese‚ einen Kalbsbraten mit melanzane, und trinkt zum Parmesan jenen dunkelvioletten Wein aus Cavallermaggiore oder den milderen Wein aus den Langhe. In diesem Punkte glaube ich mich nicht zu täuschen: ich habe gefunden, daß Bibliophile gerne Rotwein trinken.

Natürlich fährt unser Bodoni-Freund auch nach Parma. Die Po-Ebene ist heiß, die Luft flimmert über den Reisfeldern. Aber in der Pilotta ist es kühl, von den Fenstern der alten Werkstatt seines Abgottes kann er den blitzenden Fluß sehen, der flach in seinem weißen Kiesbett dahinströmt. Auf der Rückreise, in Mailand, kauft er in der staubigen Glashalle der Galleria Cristofero, bei Hoepli "Alles über Bodoni". Alles? Ach, wird er je "Alles von" und "Alles, über" besitzen können? Das Leben ist so kurz.

Und er sinnt über das hübsche Sonnet von Plantin nach, jenem anderen Liebling der Bibliophilen, der sich so heiter das "Glück dieser Welt" in dem Doppelpaar der Quatrinen und Terzinen ausmalte. Aber der bittere Chamfort hatte zweihundert Jahre später schon trübseligere Gedanken. "In einer der Hauptkirchen von Antwerpen", schreibt er, "sah ich das Grabmal des berühmten Buchdruckers Plantin. Zu seinem Gedächtnis war es mit prachtvollen Gemälden – Bildern von Rubens – geschmückt. Bei diesem Anblick mußte, ich daran denken, wie elend die beiden Etiennes (Henri und Robert) im hohen Alter bei uns in Frankreich leben mußten, diese Männer, die durch ihre griechische und lateinische Gelehrsamkeit der Wissenschaft den größten Dienst erwiesen haben. Ich mußte an Charles Etienne denken, ihren Nachfolger, der in einem Spital starb, nachdem er für unsere literarische Entwicklung fast ebensoviel getan hatte, wie sie. Ich mußte an André Duchene denken, den Vater der französischen Geschichtsschreibung, den die Not aus Paris vertrieb und der schließlich auf seinem Gütchen in der Champagne von einem Ungeheuer hohen Heuwagen fiel und starb. Dem Schöpfer der Münzkunde, Adrien de Valois, ging es nicht besser, und Samson, der Vater der Geographie, mußte mit siebzig Jahren von Haus zu Haus gehen, um vom Stundengeben leben zu können ..."

Die Jahre nach dem ersten Weltkrieg brachten eine Flut von bibliophilen Ausgaben. Es waren meist schmale Bände in Leder oder Halbleder mit dickem glattem gelblichem Papier, großbedruckt, mit Lithographien oder "Original-Radierungen fragwürdiger Qualität geschmückt, und das Format pflegte eigenwillig zu sein, um die Unterbringung in normalen Büchergestellen recht zu erschweren. Vor solchen Hervorbringungen bleiben wir heute bewahrt, aber das ist ein geringer Trost. Denn zu hunderten und Hunderten sind die Bibliotheken der Sammler verbrannt, und viele Bücherkisten sind in ihren Depots beraubt oder beschädigt worden. Wie jammervoll sehen sie aus, diese mutilierten Bücher, beschmutzt, mit Wasserflecken, aufgequollen, mit gewellten Deckeln, geschändet. Aus manchen rieselt Staub und Sand, auf Seite 312 ff steckt noch ein Bombensplitter, dort hat ein Querschläger den Deckel eingedrückt wie eine Pfanne. Die Wiener Schillerausgabe von 1807 ist unvollständig, aus einem Kunstbuch hat ein Kerl den prächtigen Rückenakt der Tänzerin Carlotta Chabert von Ferdinando Hayez herausgerissen und Mailand? Wonne zum pin-up-girl entwürdigt ...

Und neue Bücher? Nun, die Produktion von 1947 war scheußlich: schlechtes Papier, erbärmlicher Einband. Es gab ruhmvolle Ausnahmen, etwa die Stuttgarter Hölderlin-Ausgabe von Cotta. Und heute? Langsam bessert sichs, aber noch allzuoft stößt man selbst bei guten Verlagen auf schlechte Bücher. Es scheint, daß die Wiedergewinnung der alten Qualität doch sehr schwer ist, zumal viele der alten Buchdrucker und Buchbinder fehlen. Außerdem sind neue Bücher teuer. Die Verleger wissen’s und zerbrechen sich den Kopf, ob’s nicht auch broschierte Bücher täten, oder Pappbände. Ich habe nichts gegen Pappbände, der alte gelbe Insel-Goethe Steht mir heute noch gut im Schrank, und um 1800 herum gab’s reizende Sachen auf diesem Gebiet, mit entzückenden marmorierten Papieren. Aber weiß der Kuckuck, was sich ein moderner Verleger unter Pappbänden vorstellt. Er rechnet ja mit der Masse, und dem hochmütigen Bibliophilen zu Liebe wird er sich nicht auf Experimente einlassen.

Sie können so stolz sein, diese Büchernarren. Ich kannte einen, der sich seine Ankunft im Elysium so ähnlich dachte, wie jener. Kupferstecher sich den Einzug Friedrichs von Preußen im Jenseits vorgestellt hat: die Großen der Vorzeit empfangen ihn, Perikles, Alexander, Cäsar, Constantin ... Sei’s drum. Er, der Bibliophile, wird zuerst den Weg durch dieses Jammertal würdig zurückzulegen wissen.