Not macht erfinderisch. Wer geglaubt hatte, daß Ost und West nach zwei Jahren angestrengten Bemühens alle Versionen des kalten Krieges durchexerziert hätten, der wurde in der vergangenen Woche eines Besseren belehrt. Polen und Frankreich haben eine neue Spielart gefunden, die Radio- und Dokumentenkrieg, Protestnoten wechsel, Blockade und UNO-Anklagen gleichermaßen in den Schatten stellt: den Diplomatenfang.

Es begann mit der Affäre Robineau. Dieser Angestellte des französischen Konsulats in Stettin wurde unter Spionageverdacht verhaftet und legte auch alsbald – denn er befand sich ja in Polen – ein umfassendes Geständnis ab. Frankreich nicht faul, setzte daraufhin den polnischen Vizekonsul in Lille und den Adjutanten des polnischen Militärattachés in Paris fest. Beide Vorfälle lösten eine Kettenreaktion von Ausweisungen und Verhaftungen der "feindlichen" Diplomaten und ihrer Mitarbeiter aus, die einen Umfang annahmen, wie er in der bisherigen Geschichte noch nicht dagewesen ist. Manchmal schlug ein Coup daneben, so im Fall der französischen Botschaftssekretärin Mlle. Hélène Loisel. Nachts um 1 Uhr versuchten zwei Beamte der polnischen Sicherheitspolizei, sie aus ihrer Wohnung zu zerren, während der französische Botschafter Jean Baelen und sein Personal auf der anderen Seite zogen. Das merkwürdige, mitternächtliche Schauspiel wurde erst beendet, als der Botschafter eines mit Polen befreundeten Staates des Weges kam, der den Schergen bedeutete, sie sollten sich aus dem Staube machen; selbst ihm .mochten bei einem so groben Verstoß gegen alle guten Sitten böse Vorahnungen aufgegangen sein. Aber in der Mehrzahl verlaufen die Verhaftungen reibungslos und spornen nur den Gegner zu neuen Taten an.

Wahrlich, mit dem Diplomatenfang en gros wurde ein gefährliches Glacis betreten. Die letzten, zwar konventionell erscheinenden und doch so wichtigen Bindungen zwischen Ost und West sind gefallen. Eine seit Jahrtausenden in ihrer Gesamtheit für unantastbar gehaltene Institution wird mit Füßen getreten. Schon stellt der Daily Telegraph die Frage, ob diplomatische Beziehungen mit den Satellitenstaaten überhaupt noch einen Sinn haben. Der "Totale Kalte Krieg" hat begonnen. Eine Weile wird man dies Spiel mit dem Feuer noch fortsetzen können, solange der Diplomaten-Vorrat eben reicht. Den Zuschauern bleibt nur noch die Toto-Frage: Wer wird den ersten Botschafter verhaften? C. J.