Westdeutschlands beginnende Verknüpfung in der Weltwirtschaft läßt die Theoretiker nicht schweigen. Auch sie werten und verlassen damit den Boden der "reinen" Objektivität – wer wollte den Begriff "reine Objektivität in Wirtschaftsdingen je definieren? Hier wollen wir das Urteil, des früheren Leiters des Weltwirtschaftsinstituts in Kiel, Prof. Predöhl, darstellen, wie es aus seinem Buch "Außenwirtschaft" herauszulesen ist, das wir bereits (siehe "Die Zeit" vom 15. 9.) besprochen haben. (Verlag Vandenhoek und Ruprecht, Göttingen, 1949.)

Predöhl sieht eine "trikonzentrische" Weltwirt schaft, deren Kerne oder Zentren sind: Europa, USA und Sowjetrußland. Dabei ist er der Ansicht, daß mit dem Einsetzen des Spätkapitalismus und dem Fehlen großer Expansionsmöglichkeiten die liberale Wirtschaft endgültig dahin ist. Ihr Anpassungsmechanismus sei zerstört. An die Stelle normaler Depressionsphasen träten Dauerkrisen und Massenarbeitslosigkeit. – Das Aufzeigen dieser Entwicklungslinien, aus Details gewonnen und an Details veranschaulicht, verrät das Auge des geschulten Forschers. Dabei kann eine derartige qualitativ-soziologische Schau natürlich nicht den Anspruch der Wertfreiheit und der Objektivität erheben, meinen wir dazu. über die Entwicklungstendenzen in der Weltwirtschaft kann man durchaus anderer Meinung sein, wie beispielsweise die weniger in sozialistischen Gedankengängen befangenen Röpke und Hahn.

In der Handelspolitik versagt es sich Predöhl, Entscheidungen nach einem "Oberprinzip" zu fällen. Er überläßt es dem Politiker, sich irgendwo auf der Skala von der Autarkie bis zum Maximum internationaler Arbeitsteilung festzulegen. Trotzdem läßt sich auch hier eine Stellungnahme zu den aktuellen Problemen nicht vermeiden: Den universalen Multilateralismus liberalen Stils (Havanna-Charta!) hält Predöhl als Ordnungsprinzip für ungeeignet. Er hält einen europäischen Regionalismus für besser – wenigstens vorläufig. Dieser Reginalismus dürfe sich dabei – zumal im Anfangsstadium – sehr wohl zweiseitiger Bindungen bedienen. Deutschland mit dem Ruhrgebiet sei dabei Mittelpunkt des europäischen Kerns: Ohne Deutschland kein gesunder Regionalismus. Wenn dabei letztes Ziel das Einfügen Europas in den multilateralen Handel sein muß, so scheint es Predöhl doch verfehlt, die Liberalisierungsmaßnahmen zu übereilen. Erst wenn das Grundnetz des europäischen Handels durch bilateralen Warentausch wieder hergestellt ist, – erst dann kommt die Zeit des Multilateralismus: Wie alle guten Standorttheoretiker hängt auch Predöhl eben am Gewachsenen und überbewertet es wohl. Er scheut Gewaltlösungen.

In der Währungspolitik ist Predöhl mit Keynes gegen starre Wechselkurse, wie ihn das Bretton-Woods-System, das den Goldmechanismus wiederherstellen sollte, zu früh anstrebte. Predöhl befürwortet eine international abgestimmte Konjunkturpolitik mit dem Ziel der Vollbeschäftigung. – Keynes Geldkonzept ist aber, so wissen wir, bestimmt nicht die gegebene Medizin für das Deutschland unserer Tage. brauchen eine stabile Währung, sonst werden sich ausländische Kapitalgeber nie bereit finden; bei uns zu investieren. Zudem ist doch wohl keine Wirtschaft der Welt so verzerrt und so wenig elastisch wie gerade die deutsche! Muß man (mit Hahn) die Gründe immer wieder anführen? Trennung zwischen Ost und West, Demontagen, Flüchtlinge, wechselnde Steuerbelastung, 15 Jahre verzerrte Preisrelationen! Was die USA vielleicht können, können wir noch lange nicht.

Predöhl ist darin zuzustimmen, daß eine endgültige Beseitigung der Depressionen nur auf internationaler Basis möglich sein wird. Das setzt aber eine Weltwirtschaft einheitlicher Ordnung voraus und nicht eine regional zersplitterte. H.