Vor einigen Tagen unterhielten sich in Berlin ost- und westzonale Abiturienten miteinander. Einer der westzonalen warf den Namen des spanischen Philosophen Ortega y Gasset in die Diskussion. – "Ortega y Gasset?" fragten die Diskussion. "wer ist das?" – Aber als sie wenige Minuten später von dem Komponisten der Stalin-Geburtstags-Kantate sprachen, war es an den Westzonalen, nach dem Namen zu fragen.

In Hamburg wurde eine zwanzigjährige amerikanische Studentin der Mathematik im Gespräch mit deutschen Freunden nach ihrer Meinung über Hemingway gefragt. "Hemingway", überlegte sie, "ist das nicht ein Drehbuchautor? Ich erinnere mich an einen Film mit viel Lärm und Geschieße aus dem Spanischen Bürgerkrieg. Das heißt, in Europa, in einer Londoner Buchhandlung, habe ich auch einen Roman von ihm gesehen..." Die junge Amerikanerin von der Universität San Francisco war nach Europa gekommen, um in einer Hilfsorganisation ihrer Universität für notleidende europäische Studenten zu arbeiten. Und nun verwickelte man sie in ein Gespräch über amerikanische Literatur... – "Faulkner", fragte man, "was sagen Sie zu Faulkner?" – "Kenne ich nicht", sagte die Amerikanerin dazu. "Aber Thomas Wolfes "Schau’ heimwärts, Engel" werden Sie doch kennen? "Noch nie gehört", gestand sie, nun schon etwas unsicherer. – "Wie ist es mit John Steinbeck" – "Cannery Row – die Straße der Ölsardinen?" – "Ach, ja, ich erinnere mich flüchtig..."

Da läßt sich das alte deutsche Sprichwort, nach dem die Propheten im eigenen Vaterland nicht gelten, auf die großen amerikanischen Schriftsteller anwenden. Ein Grund dafür, daß man sie in Europa besser kennt, als bei sich zu Hause, mag vielleicht das starke europäische Element in ihren Werken sein: Wieviel europäische Philosophie liegt in den Büchern Hemingways, wieviel unverbrauchte deutsche Romantik in den Figuren Thomas Wolfes! Aber getrost: In zwanzig Jahren werden die ersten Philologie-Professoren kommen und das alles exakt nachweisen. Man wird dann genau wissen, wer von wem was hat...

P. H.