Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im November

Berlin-Karlshorst, seit Mai 1945 formal der Sitz der "Sowjetischen Militär-Administration" für Deutschland (SMA), ist real das vorgeschobene europäische Hauptquartier des Kreml. Die Bezeichnung der SMA wird nun verschwinden, nachdem die Militärverwaltung in eine "Kontroll-Kommission" analog der westalliierten Regelung umgewandelt worden ist. Der große Stadtkomplex Karlshorst im Osten Berlins aber ist durch diesen Vorhang keineswegs der öffentlichen Einsicht nähergerückt worden. Der Amtssitz General Tschuikows bleibt bestehen, des gestrigen Militärgouverneurs und des heutigen Chefs der Kontrollkommission. Und es bleiben die unübersichtlichen Abteilungen des MWD. Die Strahlung Karlshorst ist sogar durch den Einbau neuer Ressorts gerade jetzt verstärkt worden.

Tschuikow ist nach Shukow und Sokolowski der dritte sowjetische General, dem die militärische und politische Gewalt über die Sowjetzone in Karlshorst unterliegt. Aber das gerade im Gegensatz zu Sokolowski, an dessen Person die bebedingungslose Veto-Politik in Deutschland gebunden ist, ein Nur-Militär zum Leiter einer westlich zivil gewordenen Funktion bestellt worden ist, zeigt die Vielseitigkeit der Moskauer Deutschlandpolitik in besonderem Lichte. Natürlich übt der wortkarge Stalingrad-General Tschuikow sein Karlshorster Amt nur dem Scheine nach aus. Er ist Truppenbefehlshaber, und seine militärischen Inspektionen halten ihn viel von Karlshorst fern. Der Verkehr der Grotewohl-Regierung mit der sowjetischen Kontroll-Kommission wird überdies nur bei betont feierlichen Gelegenheiten notwendig. Die Zwischenschaltung des Politbüros der SED, die ihre Kontakte unmittelbar und ganz und gar inoffiziell pflegt, erübrigt ein ständig in Erscheinung tretendes Kontroll-Gremium und ermöglicht statt dessen die um so innigere Verbindung mit den sowjetischen Außenstellen des Kreml.

Doch neben General Tschuikow gehört Botschafter Semjonow zu Karlshorst. Schon zu den SMA-Zeiten war Semjonow als der eigentliche Lenker der sowjetischen Deutschlandpolitik auf der Karlshorster Bühne erschienen. Daß er damals nicht nur die Konstruktion des jetzigen Oststaates vorbereitet hat, sondern heute der eigentliche Herr über die sowjetische Deutschland- und Europapolitik von Karlshorst her ist, wird gewiß nicht durch die bescheidene Rangbezeichnung erkennbar, die ihn als "politischen Berater" des Generals Tschuikow ausweist. Karlshorst ist und bleibt das Revier Semjonows. Seine Verbindung mit den politischen Gruppen der Sowjetzone ist seit der Umfirmierung der SMA zur Kontrollkommission zwar unsichtbar geworden – aber dies dient offensichtlich nur dazu, die größeren politischen Aufgaben zu verdunkeln ...

In den Scheinwerfer der Öffentlichkeit rückt jetzt mehr die Figur Grigori Puschkins, Botschafters bei der Grotewohl-Regierung. Mit seinem Auftreten wird äußerlich auch ein Wechsel der Berliner politischen Geographie angestrebt. Karlshorst als das sowjetische Befehlszentrum soll nach außen hin offenbar überschattet werden von dem zivilen Charakter eines Diplomaten, der an die deutsche Residenz des Oststaates, in die Nähe des Präsidentenschlosses von Wilhelm Pieck nach Pankow gezogen ist. Während er durch häufiges Auftreten in der Öffentlichkeit die Fassade herzustellen hat, die besagt, daß eine neue Phase der Deutschlandpolitik Moskaus begonnen habe, wird die aktive sowjetische Einwirkung auf Deutschland und Europa um so intensiver nach wie vor von Karlshorst aus betrieben. Die Begegnungen mit Puschkin gehen im amtlichen Rahmen der angemaßten östlichen Repräsentanz vor sich: eben jener Repräsentanz, die Pankow und Hohenschönhausen zum Wohn- und Amtssitz der kommunistischen Prominenz gemacht hat. Ob Puschkin dazu berufen ist, den Ruf zu bestätigen, den er sich als Botschafter der Sowjetunion in Ungarn erworben hat, ist heute wahrscheinlich nicht einmal im Kreml vollkommen klar. Es genügt vorerst, daß der aus der Komsomolzenbewegung Gekommene durch seine Pankower Existenz zu allen Deutungen der sowjetischen Linie Anlaß gibt. Doch eine Verschiebung der Sowjetpolitik von Karlshorst nach Pankow ist damit ebensowenig eingetreten, wie die Einsetzung der Grotewohl-Regierung die Sowjetzone zum souveränen Staat gemacht hat-