Kairo, Anfang Dezember

Alle 200 Meter liegen, über eine Strecke von beinahe 1200 Meilen verteilt, vom Persischen Golf bis zum Mittelmeer kleine Haufen weiß gestrichener Steine. Sie bezeichnen den Weg der transarabischen Erdölleitung, der längsten und größten Erdölleitung, die je geplant worden ist. Nach einer langwierigen und umfangreichen Vermessungsarbeit amerikanischer Ingenieure und Geologen soll, sie beinahe schnurgerade diese riesige Entfernung quer durch vier unabhängige arabische Staaten überwinden. Die Vereinigten Staaten werden dann – ein lange erstrebtes Ziel – der größte Erdölmagnat des Mittelmeeres sein.

Trans-Arabian Pipeline Company – abgekürzt "Tapline" – ist der Name der Gesellschaft, die dabei ist, so.schnell wie möglich eine Erdölleitung fertigzustellen, die lang und groß genug ist, Rohöl von den neuen und märchenhaften Ölfeldern Saudi-Arabiens in ausreichendem Maße nach dem Mittelmeer zu schaffen. Dieser Weg wurde gewählt, damit der Schifffahrtsweg um die arabische Halbinsel und die hohen Suezkanalgebühren vermieden würden.

Die Pipeline wird in Dhahran am Persischen Golf beginnen und wird in der Nähe der libanesischen Stadt Sidon an das Mittelmeer heranführen. Sie wird zwei Winkel bilden und mit vier oder vielleicht auch sechs Pumpstationen 1000 Meilen Arabiens, 100 Meilen Transjordaniens, 85 Meilen Syriens und etwa 25 Meilen des Libanon durchqueren. Wegen der politischen Unsicherheit wird sie Palästina vermeiden und das Land auch nicht einen einzigen Meter kreuzen. Die Röhren der Leitung werden einen Durchmesser von 77,5 cm haben. Sie werden in Amerika aus amerikanischem Stahl hergestellt und sollen täglich 300 000 Faß Rohöl nach dem Mittelmeer leiten – die siebenfache Menge des Öls, das Haifa erhält. Die Gesamtkosten sind bis heute auf 37,5 Millionen Pfund veranschlagt. Man hat aber berechnet, daß die Leitung sich bereits neun Monate nach Inbetriebnahme bezahlt gemacht haben wird.

Die Geschichte dieser Erdölleitung – eine der bedeutsamsten Geschichten in der nahöstlichen Entwicklung von heute – ist eine seltsame und erstaunliche Mischung von amerikanischem Pioniergeist, vom Kampfe des Menschen gegen unerforschte und wasserlose Wüsten, von nüchternem kommerziellen Wagen und monatelangem politischem Feilschen. Flog man in der letzten Zeit von Beirut in einem der von derGesellschaft gemieteten Flugzeuge über die arabische Wüste, so sah man riesige Aluminiumanhängerwagen einsam in dem endlosen Nichts; in ihnen lebten und arbeiteten die amerikanischen Feldmesser und Ingenieure. Diese Wagen waren ihr Hauptquartier. Sie schliefen draußen unter den Sternen. Und alles, was sie zum täglichen Leben brauchten, erhielten sie direkt aus den Vereinigten Staaten. Regelmäßig brachten die Flugzeuge nicht nur frisches Fleisch, sondern auch das Eis für den Nachtisch.

Der Bau der Erdölleitung in dem so wenig einladenden Land wird am schwierigsten in ihrem westlichen Teil sein, wo weite Lavastrecken sogar das Ausheben eines Grabens von einem Meter Tiefe außerordentlich erschweren. Für die Ingenieure ist Schnelligkeit alles. Die Gesellschaft wurde im Nahen Osten ungefähr mit derselben Begeisterung begrüßt wie in alten Zeiten das vom Himmel gefallene Manna. Es hat Zeiten gegeben, wo man zum mindesten eine Stunde warten mußte, wenn man mit der Leitung der Gesellschaft in Beirut telefonieren wollte; mehr als 15 000 Libanesen bewarben sich um eine Anstellung. Wenn der Bau beginnt, werden wohl 1000 Amerikaner die Stadt Dhahran verlassen und nach Westen vorstoßen; 1200 andere sollen im Libanon beginnen und die Richtung nach Osten nehmen. Es wird erzählt, die Kabarettbesitzer Beiruts hätten ihre Häuser mit exotischen Mädchen gefüllt – die meisten kommen vom Balkan –, um den Tapliners den Urlaub angenehm zu machen.

Während die Tapline mit Eile am Werk ist, arbeitet auch die Irak Petroleum Company mit ihrem amerikanischen, französischen und holländischen, aber hauptsächlich britischen Gelde hart an der Verdoppelung ihrer alten Erdölleitung von Kirkuk nach Haifa. Neben der alten 620 Meilen langen Röhrenleitung von 30 cm Durchmesser nimmt die Zwillingslinie, die 40 cm Durchmesser hat, langsam Gestalt an; sie ist bereits zur Hälfte gelegt und soll in einem Jahr fertiggestellt sein. Die Amerikaner der Tapline machen sich ein bißchen lustig über sie und sind unendlich stolz auf ihre eigene große Leitung. Ihre Pipeline wird die doppelte Länge haben und auch nach Fertigstellung der neuen Kirkuk–Haifa-Leitung immer noch täglich 200 000 Faß Öl mehr befördern können als diese. Sie haben die Kirkuk–Haifa-Leitung geringschätzig "Spaghetti" getauft.

H. L. Kaster