Etwa ein Jahr nach der Uraufführung von Jean Anouilhs neuestem Werk "Ardèle oder das Gänseblümchen" im Théatre des Charnps Elysées brachte das Nationaltheater Mannheim dieses Stück zur deutschen Erstaufführung. Das Schauspiel gehört in die Reihe der pièces noires. Der Pariser Presse war nach der Uraufführung nicht zweifelhaft, daß dem Stück ein Serienerfolg von mindestens 300 .Aufführungen sicher sei. Vielleicht versprach sich auch die Mannheimer Intendanz ein ähnliches Ergebnis. Jedoch das deutsche Publikum lehnte die Sache ziemlich unverhohlen ab, und in einen zwiespältigen Achtungsbeifall mischten sich einige Pfiffe.

Seit der "Antigone" ist Anouilh für das junge Frankreich der Dramatiker, der das Theater außerhalb der Boulevards wieder zur Würde einer Aussage erhoben hat. Trotzdem befindet sich der Dichter – und das sehen auch seine bewundernden Anhänger genau – in einer Krise, die ihnen Beklemmung bereitet. Wird er jemals, so fragen sie, den Kreis seiner Urthemen sprengen können, seinen Abscheu vor der Scheinheiligkeit der Gesellschaft, die Verachtung des Geldes, das Heimweh nach einem Zustand der Unschuld abgetan haben? Er bewegt sich wie in einem magischen Zirkel. Werden die Quellen seiner Kunst wieder sprudeln, oder wird sie verkümmern und sterben aus Mangel an Nahrung, an neuer Durchblutung seines Weltbildes und seiner Aussage?

Nun das Stück selbst. Es ist, um das vorweg zu nehmen, mit einer derartigen Beherrschung des Technischen in Dialogführung und Handlungsfügung geschrieben, daß man selbst in der an virtuosem schriftstellerischen Handwerkskönnen nicht armen französischen Theaterliteratur nichts Gleichartiges findet. Wenn der Vorhang sich öffnet, sieht man das Vestibül eines Schlosses. Man sieht elf Türen, und hinter einer dieser Türen lebt eine Frau, die eigentliche Hauptperson des Stückes, die unsichtbar und unhörbar bleibt. Es ist eine Bucklige, Ardele, die Schwester eines pensionierten Generals. Hinter einer zweiten Tür wohnt eine zweite Unglückliche, die Gemahlin des Generals, geistig umnachtet aus Liebe und Eifersucht. Auch sie betritt die Szene nicht, bis auf einen angstgequälten kurzen Auftritt, in dem sie den Hausbewohnern die Quintessenz des Miterlebten ins Gesicht schreit. Und diese Quintessenz ist düster. Wir alle sind in die Fesseln unserer Triebe und Sinnlichkeit geschlagen, aus denen es keinen Ausweg gibt, so wenig für den Menschen, wie für die tierische Kreatur. Ali sieben Liebespaaren wird diese These von Anouilh dargestellt. Die Bucklige verliebt sich in einen buckligen Hauslehrer, und ihr Bruder, der General, ruft einen Familienrat zusammen, um Weiterungen, die aus gesellschaftlichen Gründen untragbar wären, zu verhindern. Der General hat jedoch seinerseits ein Liebesverhältnis mit dem Zimmermädchen. Die Gräfin aber, seine Schwester, erscheint zu dem Familienrat mit ihrem Geliebten und gleichzeitig mit ihrem Ehegatten, der sein Verhältnis im nahen Dorfwirtshaus untergebracht hat. Dies wird noch durch die Pikanterie versüßt, daß beide Partner sich dulden und die Gattin auf ihren Mann, der Liebhaber auf den Ehegatten eifersüchtig ist. Dazu tritt dannnoch ein Liebespaar der Unschuldigen, nämlich der zweitjüngste Sohn des Generals, der die unglücklich verheiratete Frau seines älteren Bruders in einer unerfüllten jugendlichen Liebessehnsucht begehrt... Das Stück rollt wie ein Uhrwerk aufgezogener Marionetten ab, die an den Schnüren ihrer Sinnlichkeitsempfindungen hängen, die sie gar, wie im Falle der Buckligen, für Liebe halten. Ist der Entschluß dieses Paares, in den Liebestod zu gehen, die Rettung in eine höhere Wahrheit? Es liegt eine ungeheure gesellschaftskritische Anklage in dem Werk; sie betrifft den Verlust ethischer Normen, der unser Dasein überschattet.

Regie führte der Mannheimer Schauspieldirektor Richard Dornseiff. Niemand wird ihm die Verdienste einer beachtlichen Beherrschung theatralischer Mittel absprechen. Aber es geht hier nicht um die Einzelauffassung eines Regisseurs, sondern um den theatralischen Stil deutscher, noch zeitgenössischer Schauspielkunst. Man kann ihn komödiantischen Narzißmus nennen; ein schauspielerisches Kunstempfinden, das rein im Ausleben komödiantischer Persönlichkeitstriebe Genüge findet. Ist das künstlerische Stilempfinden der Interpreten etwa zwischen Anton von Werner und Spitzweg angesiedelt, um es kunsthistorisch auszudrücken, so mag man sich etwa vorstellen, was bei einem Anouilh herauskommt, der durch eine magische Transparenz hindurchgegangen ist, die man allgemein als Surrealismus kennzeichnet. Wie soll sich aber ein Werk zu einer Anklage gegen unser heutiges Dasein erheben, wenn es nicht von einem Standpunkt aus interpretiert wird, der außerhalb des Theaters gewählt ist? Dann muß das Publikum verstimmt werden, weil nichts als eine technische Posse übrigbleibt, übergössen von einem Feuerwerk sehr komischer französischer Bonmots mit recht zweifelhaften Magazinsituationen.

Nicht das Publikum grault das Theater zu Tode durch das Gespenst leerer Häuser, sondern das Theater das Publikum mit einer Interpretationskunst, die mit bewundernswürdiger Sturheit einen komödiantischen Narzißmus pflegt, der niemanden auf der Welt mehr interessiert.

K. F. Reinking