Kein deutscher Länderchef hat, was die Außenpolitik angeht, eine so exponierte Stellung, wie Professor Ernst Reuter, der Oberbürgermeister von Berlin. Denn er ist, von deutscher Seite her, in erster Linie dafür verantwortlich, daß die vorgeschobene Bastion westlicher Kultur inmitten östlicher Bedrückung verteidigt und gehalten wird. Die "Zeit" hat es daher für wichtig gehalten, ihn nach seiner Meinung zu dem Bonner Abkommen, das Westdeutschland enger an Westeuropa anschließt, zu fragen.

Die Zeit: Durch das Bonner Abkommen sind jetzt die Blicke vieler Deutscher nach Westeuropa gerichtet, so wie während der Blockade alles auf Berlin schaute. Sehen Sie, Herr Oberbürgermeister, in dieser veränderten Blickrichtung einen Nachteil oder gar eine Gefahr für Berlin?

Der Oberbürgermeister: Durchaus nicht. Wir begrüßen insbesondere die Versöhnung mit Frankreich. In Berlin hat es niemals eine Xenophobie, eine Fremdenfurcht, gegeben. Deshalb gibt es auch keinen Nationalismus in Berlin. Sehen Sie, da wird mir immer wieder gesagt, die letzten Berliner Wahlen seien nationalistisch gewesen, im Grunde genommen habe man nämlich gegen die Russen gestimmt. Das ist grundfalsch. Die Berliner haben für ein freies Berlin gestimmt, weil die Berliner Bevölkerung die geschichtliche Aufgabe, die ihr nun einmal gestellt ist, begriffen hat. Da war neulich der amerikanische Kriegsminister Tohnson hier, der sagte zu mir in seiner freundlichen Art: Wir werden Euch nicht vergessen, denn Ihr seid ein Beispiel. Und in der Tat, so fühlt sich der Berliner auch, und darauf, ist er stolz. Mit Nationalismus hat das gewiß nichts zu tun.

Die Zeit: Aber haben Sie hier in Berlin nicht auch zu spüren bekommen, daß die Franzosen Berlin mit Mißtrauen betrachten, und müssen Sie daher nicht fürchten, eine engere Bindung der deutschen Bundesrepublik an-Frankreich könne dazu führen, daß diese Stimmung sich auch auf den deutschen Westen überträgt?

Der Oberbürgermeister:Wir haben hier von Anfang an die besten Beziehungen zu der französischen Besatzungsmacht gehabt. Da war die leidige Frage mit der Demontage von Borsig, das war ein Viermächtebeschluß. Die: bedauerten, ihn ausführen zu müssen. Jetzt ist er durch das Bonner Abkommen aus der Welt geschafft worden. Schon deshalb begrüßen wir es, daß die Verhandlungen auf dem Petersberg erfolgreich waren.

Natürlich, gibt es in Frankreich noch Politiker, die mißtrauisch sind gegenüber Berlin, aber ich will nicht behaupten, daß diese Soezies etwa in Westdeutschland ausgestorben sei. Ich erlaube mir darüber kein Urteil, ich besitze keine Quarzlampe, mit der ich in die geheimsten Gedanken anderer Menschen hineinleuchten könnte. Wo aber dieses Mißtrauen besteht, hat es seinen Grund darin, daß man in Berlin noch immer die gemeinsame Hauptstadt Preußens und Deutschlands sieht und damit den Hort einer übergroßen Machtkonzentration. Aber Preußen gibt es nicht mehr, und wenn Berlin wieder frei und die Hauptstadt Deutschlands sein wird, dann wird es ein deutsches Land sein wie Hamburg oder Bremen. Von einer Machthäufung, wie sie früher geherrscht hat, kann dann nicht mehr die Rede sein.

Die Zeit! Glauben Sie, Herr Oberbürgermeister, daß man dieses Vorurteil, das in Frankreich und auch in gewissen deutschen Kreisen besteht, beseitigen kann?