Campione, Anfang Dezember

Campione ist ein kleines Paradies! In Campione zahlt man keine Steuern. Und wo sonst in aller Welt gibt es eine Gemeinde, die für ihre Kinder die Milch bezahlt? Wo wäre gar Staatssäckel bereit, Krankengelder und Altersrenten zu zahlen, ohne daß der damit Bedachte vorher Beiträge in eine Versicherung eingezahlt hätte?

Das alles gibt es nur in Campione, der kleinen italienischen Enklave am See von Lugano. Diese Republik ist Jahrhunderte alt. Errichtet würde sie von Italienern, denen es an den Gestaden des Lago die Lugano gefiel und die hier höchst selbständig ein Dorf gründeten, ohne jedoch die Verbindung zur römischen Kirche aufzugeben. Napoleon zerstörte allerdings im Jahre 1797 die Unabhängigkeit der Campiönesen, die erst im Jahre 1859 ihre Autonomie wiedererlangten. Seitdem blieb sie erhalten.

Das Dorf Campione zählt heute 1000 Einwohnen Unter ihnen befinden sich fünfzehn Ausländer. Ein paar Schweizer sind dabei, Ungarn. Schweden, Deutsche und ein Risse. Das Rätsel für den Wohlstand dieses Dorfes, das weiße Asphaltstraßen durchziehen und das am Abend im Lichte ungezählter Lampen erstrahlt, ist übrigens schnell gelöst. Campione besitzt ein Kasino mit Spielsälen, in denen sich allabendlich die große Welt trifft. Hier fließen die Schweizer Franken in die Banken der Croupiers und von da in die Kasse der Gemeinde.

Campione will in jeder Hinsicht unabhängig sein. Es hat sich selber eine Schule mit Oberklassen errichtet und kann es sich leisten, seine vier Lehrer und zwei Pfarrer großzügig zu bezahlen. Es verfügt über eine Polizeistreitmacht von vier Polizisten und einem Kommandeur, und es gibt alljährlich eigene Briefmarken heraus, die das italienische Wappen des Dorfes und den Schweizerfranken-Aufdruck tragen, jedoch in Italien keine Gültigkeit besitzen.

Als der Krieg zu Ende war und Mussolini ausgespielt hatte, rissen die Campiönesen dieHoheitszeichen vom Grenztor und von der Polizeikaserne und gaben damit das Signal zu einem Revolutiönchen. Sie verhafteten ihren faschistischen Bürgermeister und ließen durch ihre Polizeimacht eine selbständige Republik ausrufen. Die Schweiz verspürte Lust, Campione ihrem Lande anzuschließen, weil es ihr von jeher um die Fränklis leid tat, die in die Kasinobank flossen. Aber die Campioneser wollten selbständig bleiben. In der Schweiz sind Spielhöllen verboten, und so hätte eine Eingemeindung das wirtschaftliche Rückgrat des Dorfes für alle Zeiten gebrochen.

Die Campiönesen rangen um ihre Freiheit und retteten sie. Ihr junger Bürgermeister Felzi Tagliaferri, der während des Krieges als italienischer Kriegsgefangener in Magdeburg Straßen baute, verstand es, eine friedliche Atmosphäre zwischen der Schweiz und Italien zu schaffen und ermöglichte den internationalen Besuchern die Einreise in seinen Miniaturstaat ohne Paß und Visum.