Soll man bei der Betrachtung deutscher Malerei den gleichen Maßstab anlegen, nach dem man die französische wertet, den Maßstab der exquisiten Mal weise, der "peinture"? Soll man nach dem perlenden Grau eines Corot suchen, dem unnachahmlichen Schwarz von Manet, das bei aller Klarheit immer ganz vorn im Bilde, selbst vor den lichtesten Farben, steht, oder nach jener Skala heller schmelzender Töne der Seurat, Cross, Signac, um an ihrem Vorbild die Qualität deutscher Malerei zu messen? Dieses Verlangen ist in den letzten 40 Jahren oft gestellt worden. Indem man ihm folgte, sind manche Entdeckungen gemacht worden, die sonst vielleicht unterblieben wären. Und dennoch wäre es wohl einseitig und nicht gerecht, so zu verfahren.

Paul Ortwin Rave, der derzeitige Direktor der Berliner Nationalgalerie, der diesen Diskussionen naturgemäß niemals fern, stand, hat in seinem Buch "Deutsche Malerei des neunzehnten Jahrhunderts", Verlag Gebr. Mann, Berlin, sich bewußt von einer solchen einseitigen Anschauung distanziert. Er sieht die Bilder als ein Ganzes nach Inhalt, Form und Farbe. Man wird sagen, das tun die Liebhaber französischer Malerei auch. Gewiß, doch die Akzente sind verschieden. Rave, da er über deutsche Malerei schreibt, weiß, daß bei uns zulande die malerische Qualität im Rahmen des Ganzen deutlich spürbar weniger Gewicht gegenüber dem gedanklichen Inhalt und der zeichnerischen Form hat, als in Frankreich. Wir glauben, daß dies eine weise und richtige Art der Betrachtung ist. Über gewisse Werturteile könnte man vielleicht verschiedener Meinung sein, so über die Frage, ob Böcklin wirklich so bedeutend war, wie manche ihn innerhalb des neunzehnten Jahrhunderts sehen wollen, obwohl er doch eine etwas abseitige Rolle gespielt hat und seine gedankliche Konzeption über sein zeichnerisches und malerisches Vermögen hinausging. Doch solche Meinungsverschiedenheiten können in keiner Weise den Wert dieses kenntnisreichen und vorzüglichen Buches mindern, dessen Verfasser so Wesentliches über die Malerei des neunzehnten Jahrhunderts auszusagen hat.

Die 256 ganzseitigen Abbildungen des Buches sind dem Bestand der Nationalgalerie entnommen. Dies ist ein Beweis dafür, wie vorzüglich diese Sammlung war, daß man mit ihren Bildern allein eine Geschichte der deutschen Malerei illustrieren kann. Manche Gemälde sind, wie angemerkt ist, infolge des Hitlerschen Bildersturms verlorengegangen. Wo sich der Rest befindet, wieviel von ihm gesichert ist, darüber ist bei uns in den Westzonen wenig bekannt. Wir können nur hoffen, daß die schöne Sammlung eines Tages wieder zugänglich sein wird. Bis dahin müssen wir uns damit begnügen, die Abbildungen dieses vorzüglichen Buches anzusehen. Martin Rabe