Wir konnten in den vergangenen Monaten erleben, daß eine Aktienhausse, d. h. die nachträgliche Wertangleichung, begann, als die Werke ein rapides Schrumpfen ihrer Auftragseingänge erlebten, zu Kurzarbeit übergehen mußten und mit Entlassungen begannen, und daß das vorläufige Abstoppen der Hausse und ein unvermeidlicher und natürlicher Rückschlag in den Tagen erfolgte, in denen die ersten Meldungen von einem starken Wiederanstieg der Aufträge an die Öffentlichkeit drang. Beide Vorgänge, Hausse und Beschäftigungsverlauf, hatten keine gemeinsame Ursache.

Im Herbst und zu Beginn des Winters 1949 sind drei entscheidende Fundamente für die Entwicklung der deutschen Eisen Wirtschaft in 1950 gelegt worden. Das Petersberg-Abkommen ist das jüngste aber nicht unwichtigste Fundament. Es hat eine vorläufige Klarheit und eins Entlastung erreicht. Die anderen beiden erwähnten wir bereits: Die Wertangleichung an den Börsen hat dokumentiert, daß die Vermögen der Eigentümer wieder zu einem erheblichen Teil restauriert sind und hat sie im wesentlichen der Tageslage angepaßt. Diese hat fernerhin auch bei den nicht unerheblichen Portefeuillemischungen innerhalb der Industrie die Aktivseiten der Gesellschaftsbilanzen aufgefrischt, Dubiose oder gar Verluste verringert und damit die Neukapitalisierung in den Bereich der kaufmännische! Verantwortungsmöglichkeit gerückt. Dritten; reißt der Wiederanstieg im Auftragseingang, der auch zu Anfang Dezember anhält, die Werke aus einer hoffnungslosen Unterbeschäftigung und einer hochgradigen Verlustwirtschaft heraus und nähert sie einer wirtschaftlichen Arbeitsleistung.

Da wir stets in der so empfindsan auf ökonomische wie politische Eingriffe reagierenden deutschen Nachkriegswirtschaft mit einem kontrastreichen Auf und Ab in Beschäftigung und Produktivität rechnen müssen, wird man dem Fazit der Gegenwartslage eine versöhnliche Note geben dürfen. Diejenigen, die stets nur die Konjunkturjahre vor 1933 im Gedächtnis haben, werden uns ob dieses Urteils grollen; diejenigen aber, die an 1945/46 denken, werden sich uns anschließen.

Gewiß, Westdeutschlands Rohstahlproduktion betrug 1936 im Monatsdurchschnitt 1,2 Mill. t, 1938 sogar 1,45 Mill. t. Sie liegt heute für 1949 wohl etwas über 700 000 t. Aber Anfang 1947 stellte sie sich auf unter 200 000 t, Anfang 1948 noch auf 300 000 t und ging im August 1949 auf den bisherigen Höchststand von 834 400 t. Seitdem ist sie zunächst scharf (um rd. 17 v. H.) abgefallen, hat sich aber inzwischen wieder kräftig erholt und dürfte im November bei 720 000 t zu liegen gekommen sein.

Das Augustergebnis war erstaunlich und für die Öffentlichkeit unerwartet. Es verdient noch einer Betrachtung, weil es für die Beurteilung unserer Leistungsfähigkeit in Stahl für die Zukunft ebenfalls nicht ohne Bedeutung ist. Noch zu Jahresanfang war man in der eisenschaffenden Industrie allgemein der Auffassung, daß man bei dem technischen Rückstand der Anlagen, den fehlenden Reparatur- und Erneuerungsbauten, der aussichtslosen Fremdfinanzierung und bei der unklaren Koksversorgung wohl in absehbarer Zeit nicht wesentlich über monatlich 700 000 t würde kommen können. Der Jahresverlauf hat diesen Pessimismus nicht bestätigt.

Wie war dies möglich? Man könnte viele Begründungen hierzu formulieren. Vom Technischen aus gesehen wird man darauf verweisen können, daß die Werke, alte wie entflochtene, seit der Währungsreform "in aller. Stille" zusammen rund 250 bis 300 Mill. DM selbst investiert haben dürften. Eine ungewöhnliche Leistung! Uns erscheint aber jene Begründung, die uns in einem Gepräch vor einigen Tagen Heinrich Dinkelbach gab, nicht nur die kürzeste, sondern in ihrem menschlichen wie temperamentvollen Inhalt auch die wertvollste und beste. Seine Begründung hierfür lautet also:

"Wir haben im August die Frage der uns gesetzten Stahlleistung gelöst. Zu verdanken haben wir es der starken Energie aller Beteiligten; es war in diesen Wochen geradezu ein Wettstreben unter den einzelnen Werken, um zu zeigen, was man alles konnte. Und dies geschah zur Zeit des großen Warenhungers, in der wir als Eisenindustrie in der Preisbildung sehr beschränkt waren."