Düsseldorf, Anfang Dezember

Den Vierjahresplan einer unversöhnlichen Politik des Dynamits hat im November 1949 das erste Abkommen einer dynamischen Politik der Versöhnung abgelöst. Nicht zuletzt auch vor dem Schreckgespenst einer neuen roten Irredenta, deren politisch sich nach rechts oder links gestaltendes Symbol noch verschwommen ist, wurde die Ära der vorsätzlich für uns bestimmten Dürftigkeit durch eine grundsätzliche Kursänderung beendet. In politischen Hitzekammern oder auf der Bierbank (die jetzt auch wieder friedensmäßig hochprozentig ist) werden nun bereits Bilder und Forderungen geboren, die in ihrem oppositionellen Übernationalismus Krieg, Kriegsschuld und manches andere vergessen und die Zustand und Souveränität, Modell 1938, zurückbeschwören möchten. Dieses Zeitalter aber gehört ein für allemal der Vergangenheit an, wenn es sich auch manche gern in eigenen Traditionsstunden an ihre Ofenbank mit Pinselstrichen malen

Mit Petersberg begann ein neuer Abschnitt. Der Weg für uns ist keine Asphaltstraße, sondern ein Schlackenweg. Schlacken jüngster Vergangenheit haben ihn grob gepflastert. Unsere Aufgabe ist es, diese in gemeinsamer internationaler Arbeit zu zerkleinern.

Zu den großen Schlacken der Vergangenheit gehört das Ruhrstatut. Noch ist es gleichsam ein hohler Bau, über dessen First der verblassende Glorienschein einer martialischen Epoche politischer und militärischer Vergangenheit schwebt. Bundesregierung, Länderpolitiker, Industrielle, Gewerbetreibende, Gewerkschaften und einige politische Parteien haben sich in Deutschland offen und freimütig zu diesem Statut bekannt, um auch aus ihm in vertrauensvoller Collaboration continentale einen weiteren Ausgangspunkt für die Kräftigung des im Vertrag von Yalta zum großen Teil verloren gegebenen Europas zu machen, Karl Arnold nannte, diesen Vertrag einmal "das widernatürliche Bündnis des Abendlandes mit der Tyrannis, dessen Wirkung den europäischen Freiheitsgedanken bedroht und dessen Faktum zu einer Geistesverwirrung des Westens geführt hat".

Das Ruhrstatut sollte und müßte unseres Erachtens nun dazu dienen, diese Geistesverwirrung zu überwinden, und einer europäischen Idee Eingang und Wirkung verschaffen.

Wir hegen nicht die Illusion, daß das Ruhrstatut so, wie es mit seiner einseitigen Ausnahmeregelung zu Lasten Deutschlands verfaßt ist, für unsere Nachbarn übernehmbar wäre, Das Statut wurde vor einem Jahr verkündet, längere Zeit vorher bereits entworfen. Der Wandel, politisch und weltwirtschaftlich, ist seitdem groß gewesen. Die von Militärs gepflegte Auffassung vom ewigen Mangel der Güter ist den ökonomischen Tatsachen nicht gewachsen gewesen. Zwei Punkte, politisch gesteuerte Bedarfsdeckung von dereinst im Krieg mit uns befindlichen Staaten zwecks Reparation und gewaltsame Sicherung von Produktionsanteilen zu deren Gunsten, sind im Zuge der letztjährigen weltwirtschaftlichen Entwicklung uninteressant geworden. Wir sehen daher den Sinn des Ruhrstatutes ausschließlich noch in seiner politischen Aufgabe als Kontrolle, und Verbotsorgan jeglicher Rüstung in unserem Lande und in seiner Chance, ein wirtschaftliches (und damit auch in vielerlei Hinsicht politisches) Europa-Vaterland zu schaffen – und insofern ist es positiv und zukunftskräftig.

Den deutschen Männern an Ruhr und Rhein liegt besonders die Sorge nahe, wie man zu diesen positiven Seiten vorwärtsbringen kann. Der lange Zeit unveröffentlicht gebliebene amerikanische Plan, der bereits im Frühjahr 1948 bei den Londoner Sechsmächtebesprechungen vorgelegen hatte, war schon damals ein großer Schritt über das noch nicht geborene Ruhrstatut hinaus, wurde aber als untragbar verworfen und enthält selbst für heute noch aufgreifbare Ansichten und Ansätze zu gemeinsamer Arbeit.