Im Düsseldorfer Kunstmuseum wurde eine Ausstellung französischer Bildwirkerei eröffnet, veranstaltet von französischen Instanzen und der Gesellschaft von Freunden der französischen Kultur. Sammler, Kirchen, Galerien und Manufakturen haben ihre unersetzlichen Schätze mit rühmenswerter Großzügigkeit nach Deutschland entsandt.

Man könnte die Ausstellung überschreiben: Tradition und Gegenwart. Der Bogen verbindet etwa die bedeutendste Zeit des Bildteppichs, die Gotik und ihre Ausklänge, mit dem zwanzigsten Jahrhundert. Ein Meister der heutigen Bildwirkerei, Jean Lurçat, spricht sogar von einer Renaissance. Das ist nicht stilistisch gemeint. Der frühe Bildteppich, den wir so sehr bewundern – wir finden in der Ausstellung die herrliche "Apokalypse von Angers" aus dem vierzehnten, Jahrhundert und den "Teppich der tausend Blüten" aus dem fünfzehnten –, kam mit wenigen Farben aus. Luçat nimmt höchstens fünfzehn bis zwanzig Nuancen an. Das achtzehnte Jahrhundert ist schon bezeichnend für die Verkennung. Die Technik erlaubte tausend Nuancen, und man übersetzte eine Tafelmalerei glattweg in den Teppich; ein Vorgang, der sich in der Glasmalerei wiederholt. Das neunzehnte Jahrhundert führte die Illusion, die falschen Perspektiven, die verworrene Vielstimmigkeit in das Absurde.

Französische Maler, die durchaus der Gegenwart angehören, greifen auf die Grundregeln zurück, auf die Ökonomie der Farben. Vor allen anderen ist Lutçar zu nennen. Ihm verdankt auch eine französische Weberstadt, das reizvolle Aubusson, den neuen Aufstieg, den sie mit einer Werkschule und mit Dispositionen genommen hat, die das Gesellschaftliche nicht außer acht lassen. Sie verlangen vom Staat, von den Kommunen, von der Wirtschaft und den Privaten, daß der Aufbau der Länder und Städte verbunden sei mit dem Auftrag an die Künstler und Manufakturen. Die modernen französischen Bildwirkereien überraschen in den Farben, den Formen und der sinnbildlichen Erzählung, das Lyrische nicht zu vergessen. Sie zaubern Sonnen und Planeten herbei, tausend Flammen und feine Ornamente. Unter den Modernen fällt neben Lurçat der kühne und klangreiche Marc Sainj-Saens auf. Auch Henri Matisse ist da mit einer prächtigen und ganz unkomplizierten Dichtung. Sie heißt "Der Himmel" und ist auch im Dichterischen sehr werkgerecht, während ein paar Stücke anderer Meister uns fast formalistisch erscheinen.

Wernher Witthaus