Glas wurde seit je dort hergestellt, wo Brennstoff zur Verfügung stand. Aus Sand, Kalk, Soda, Sulfat, Dolomit und Feldspat muß das Glas bei 1400 Grad Celsius erschmolzen werden. Früher waren es die unermeßlichen Waldgegenden. Heute sind es die Kohlenreviere, weil dort Gas in großen Mengen verfüglich ist. Und ideal ist die Lage dann, wenn in der Nähe noch Salzlagerstätten anzutreffen sind. Das ist im Norden des Ruhrgebiets, an der Lippe bis hinein ins Münsterland der Fall. So ist Gelsenkirchen im Laufe von 75 Jahren zur größten deutschen Produktionsstätte für Tafelglas geworden.

Es gab dabei schwere und gute Jahre, deutsche und ausländische Konkurrenz, aber das Glas aus Schalke behauptete sich. Das Produkt quillt heute am laufenden Band aus der Schmelzwanne. Hier wird nur walzengepreßtes, durchscheinendes Glas hergestellt. Es kommt mit reichhaltigen Mustern als Ornamentglas oder als weißes oder farbiges Kathedralglas in den Handel. Stark gefragt für industrielle Zwecke ist auch das festgefügte Drahtglas, mit dem Fabrikhallen abgedeckt sind. Täglich werden 10 000 t Gläser verladen.

In Gelsenkirchen steht seit 1927 ferner die DELOG (Deutsche Libbey-Owens-Gesellschaft für maschinelle Glasherstellung). Sie ist ein überwiegend belgischer Betrieb, errichtet auf dem Gelände der ebenfalls in belgischer Hand befindlichen Bergwerksgesellschaft Dahlbusch und von der dortigen Kokerei mit Gas gespeist. Hier wird nach einem anderen Verfahren Glas erzeugt, in der Hauptsache Fensterscheiben.

Etwa 45 v. H. des Fensterglasbedarfs der Westzonen deckt das Unternehmen. Täglich werden mehr als 50 000 qm Fensterglas erzeugt; mehr als im "Frieden". Dabei kommen die Glaserzeuger ohne preisliche Sonderkonjunktur aus. Wenn trotzdem der Endverbraucher erheblich mehr bezahlen muß, dann sind das Verteuerungen, die – noch – auf dem Wege zum letzten Abnehmer entstehen

In Nachkriegsjahren kamen noch mehrere Glasveredlungsbetriebe aus dem Osten hinzu. Zu nennen sind die "Westdeutsche Glasgesellschaft" und die "Schwäbische Glasindustrie". Beide Betriebe erzeugen Thermometer bis zu 650 Grad Celsius und hochwertige andere Glaserzeugnisse für Industrie, Technik und Wissenschaft – und den Export. Gebrauchsgläser für Küche, Haus und Hotel produziert die "Vestische Glashütte", die sich in^-den Ruinen des Hydrierwerks Scholven/Gelsenkirchen niedergelassen hat. Schließlich sei noch ein handwerklicher Großbetrieb erwähnt, der Spiegel und geschliffene oder mattierte Scheiben herstellt. Besonders gepflegt wird hier die Glasmalerei und die Kunstbleiverglasung, insbesondere für Kirchenfenster. Namhafte Künstler lassen viele ihrer Werke durch diese Firma gestalten, beispielsweise der ehemalige brandenburgische Landeskonservator Thol und die Königsberger. Professoren Bischoff und Marten.

Der "Roman" vom Glas wäre nicht vollständig, wenn nicht auch der textilen Verarbeitung gedacht würde. Da ist das Werk der mit der DELOG verwandten Spinnglas-AG Glaswolle ist gutes Isoliermaterial. Jetzt ist es dem Unternehmen auch gelungen, Glas in dünnste Fäden zu ziehen, zu färben, aufzuspulen und wieder zu verspinnen. Heute kann man farbschöne Dekorationsstoffe, Tapeten und ähnliches Gewebe bewundern, die hundertprozentig aus Glas bestehen. Die textilen Glaserzeugnisse sind zuden natürlich mottenecht und nicht brennbar – von Bedeutung für Theater und Kinos. Hinzu kommen hervorragende akustische Eigenschaften und eine beachtliche Knickfestigkeit. Das Meter altdeutschen Tapetenmusters kostet dabei nur 14 DM.

Nun wird der Laie fragen, wann er einen Glasanzug tragen kann. Er könnte schon jetzt; denn auch kammgarnähnliche Stoffe sind aus Glas herzustellen. Man tut es jedoch noch nicht, weit die Glasfaser Jucken verursacht. Aber es wird nicht das größte Problem sein, diese Kinderkrankheit zu überwinden. Leo Hamp