Von Ulrich Mohr

Ulrich Mohr, der augenblicklich Indien bereist, schildert für die "Zeit" Eindrücke eines Besuches in Kashmir, jenes paradiesisch gelegenen Landes, das mehr und mehr in die große Politik hineingezogen wird.

Srinagar in Kashmir, Ende November

Sie sollten fliegen", riet man mir in Pathankot, der Endstation der Eisenbahn, die von Delhi nach Norden in den Himalaja führt. Ich hörte nicht auf diese Warnung und fuhr nun dreißig Stunden lang, eingekeilt in Konvois von vielen hundert Fahrzeugen, auf einer Straße, welche die einzige Landverbindung darstellt zwischen Indien und Kashmir, dem paradiesisch gelegenen Tal im Himalaja, dem eisgrauen "Kopf Indiens". In diesem Tal, das etwa 100 Kilometer lang und 40 Kilometer breit ist und von vier Millionen Menschen bewohnt wird, lagen sich immer noch die Armeen von Indien und Pakistan in einem kalten Schützengrabenkrieg gegenüber. Eine unvergleichliche Straße! Sie führt nach Srinagar, der Hauptstadt von Kashmir, und ist nur 350 Kilometer lang. Aber sie ist im Hochgebirge so eng und schmal, daß wir oft stundenlang warten muften – eng an die Felswand gedrückt, ein Rad im Graben –, während Lastwagen auf Lastwagen sich vorbeischoben. Die Gesichter derFahrer erschienen dann wie ein Porträt im Rahmen des Fensters; Gesichter aller Farben – schwarze Tamilen, braune Mahratten, Sikhs, deren Bärte vom Staub der Straße weiß überpudert waren –, alles Soldaten der indischen Armee, die aus unzähligen Rassen des Subkontinents zusammengesetzt ist. Schließlich also kam ich nach Srinagar.

Srinagar ist eine orientalische Stadt. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, sobald man in das Basarviertel eindringt, in dem 200 000 Menschen hausen. Enge Schmutzige Gassen. Läden, die nichts als offene Höhlen sind. Ein bunter Strom von Menschen, der sich geschäftig oder ziellos durch die Straßen wälzt. Die meisten Passanten sind Moslems: runde Turbane, rot gefärbte Bärte. Dann die Pandits, jener in Kashmir eingesessene Typ von Hindus: ziemlich hellhäutig, mit scharf geschnittenen Nasen und einem durchaus europäisch anmutenden Air. Vereinzelt tauchen auch einmal Ladakhis aus Westtibet auf: Filzkappen über mongolischen Zügen; das sind die Karawanentreiber aus dem angrenzenden China und Russisch-Turkestan. Man windet sich durch das Gewühl, überquert Kanäle und sieht den Iheleum-Fluß mit seinen Hausbooten, Reisschiffen und Gondeln; überall sind Menschen, die am Ufer baden, waschen und kochen. Beherrschend liegt Aber allem der Palast des Maharadschas in weißer Pracht. Seit sein letzter fürstlicher Bewohner 1947 Hals über Kopf aus seinem Lande floh; beherbergt er die Regierung von Jamnu und Kashmir. Und der Regierungschef, der Ministerpräsident Sheik Abdullah, war es, der mir schließlich Einblick in jene Situation gewährte, die heute den Politikern der Welt manche Kopfschmerzen bereitet.

Die UNO – wie man weiß – hat sich in die Käshmirfrage eingeschaltet. Wie ging das zu? Nun, Kashmir hat die übliche Geschichte eines Landes, das zentral zwischen weitaus stärkeren Mächten liegt. Es wurde seit alters, viele Male erobert und besetzt. Und 1846 wurde es dann von den damaligen Herren, den Engländern, an den Maharadscha von Jamnu verkauft, einen Hindufürsten, der zunächst einmal die Todesstrafe durch siedendes Öl einführte für jeden, der eine Kuh tötete. Im übrigen hat er nicht viel für sein Land getan. Kashmir war also zu dieser Zeit nichts weiter als ein Fürstenstaat wie viele andere in Indien, mit einem britischen Residenten, einem autokratischen Maharadscha und einer still und stumm leidenden bäuerlichen Bevölkerung. Aber ebenso wie im übrigen Indien begann nach dem ersten Weltkrieg eine Art Emanzipation, geführt von einem jungen Moslem, namens Sheik Abdullah, dem heutigen Ministerpräsidenten, der in der Aligarh-Universität eine so gut wie europäische Bildung empfangen hatte und der nun, gestützt auf den Kongreß Nehrus und Ghandis, die Massen zum politischen Selbstbewußtsein zu erziehen suchte. Sein Programm war sozialistisch. Dadurch kam er mit der Fürstenherrschaft in Konflikt und verbrachte lange Zeit hinter Gefängnismauern ... Mit der Teilung Indiens im Jahre 1947 erst entstand das moderne, das eigentche Kashmirproblem.

Kashmir – als unabhängiger Staat – war zwar von der Teilung unberührt geblieben, doch war es sofort klar, daß das benachbarte Pakistan alles daransetzen würde, das wirtschaftlich und strategisch wertvolle Land mit seiner überwiegenden mohammedanischen Bevölkerung seinem Gebiet einzuverleiben. Unerwartet geschah es aber, daß im Oktober 1947, wenige Wochen nach den Unabhängigkeitsfeiern, konzentrierte Massen irregulärer Truppen – die sogenannten Azad-Streitkräfte –, bestehend aus Angehörigen der Bergstämme im Nordwesten, aus früheren Soldaten der an Pakistan übergegangenen Truppenteile und aus aktiven Offizieren der Pakistan-Armee in Zivilkleidung, von Westen her in das Kashmirtal und in die Provinz Jamnu einfielen.