Wie ein Wunder kam die Hausse über Nacht – so könnte man wohl sagen, Und es war wirklich an manchen Tagen so, als ob Publikum und Börse das Goldene Kalb der freuen Vermögen, die über Nacht an den Börsen sichtbar wurden, umtanzt und bekränzt hätten. war eigentlich "plötzlich" geschehen? Im Grande genommen nichts, was unecht oder konstruiert worden wäre. Der deutschen und der – sich am Geschäft beteiligenden – ausländischen Öffentlichkeit war es langsam klargeworden, daß die deutsche Industrie besser aus dem Krieg herausgekommen war als man jahrelang befürchtet hatte, und daß sie vor allem auch in den drei Nachkriegsjahren einer industriellen Naturalwirtschaft, des Interregnums hochgezüchteter Kompensationen, "in aller Stille" wieder Substanzen gefestigt und neue gewonnen hatte.

Als dies nach den ersten wie eine Sensation wirkenden Verwaltungserklärungen großer deutscher Montangesellschaften bekanntgeworden war – eine Tatsache, die den Unternehmern und ihren Banken schon Monate vorher offenkundig wurde – stiegen wieder weite Kreise von "Anlagesuchenden" und eine private Spekulation in Montanwerte ein. Sie rissen den ganzen Markt nach oben mit. Einzelveröffentlichungen von Betrieben der Konsum- und Investitionsgüterindustrien, die ebenfalls günstige Verhältnisse meldeten, ja sogar bereits von Kapitalumstellungen von 1 : 1 berichteten, gaben dem Geschäft eine noch breitere Basis, bis dann nach den verkündeten Schiffbau-Permits selbst dieses so überaus schwer getroffene Gebiet ergriffen wurde und sich die Gesamthausse untermauerte.

Die Erklärungen von Herrn Pferdmenges in der Stahlvereins-Hauptversammlung gaben den Anstoß; Herr Zangen von Mannesmann holte mit seiner guten Zwischenbilanz zügig nach; allüberall erkannte man wieder die Substanzen, die hinter den Namen der alten Papiere standen und faßte neues Vertrauen. Dies war leicht, zeigte doch auch der Gesamtproduktionsindex eine fast krisenfeste Stabilität, die (in der Tat) bewunderungswert bleibt.

Aber einsichtigen Kreisen ging die Hausse doch über das Ziel hinaus. Der Berufshandel hörte bereits um Monatsmitte November auf, weiter "in Hausse zu machen" und verhielt sich abwartend. "Die Kulisse spielte nicht mehr mit", wie man sagte, und sie überließ das Geschäft jetzt nur noch dem wach gewordenen Publikum.

Die Fachkreise blieben nüchtern und meinten, daß die Werte im groben Durchschnitt zwischen 40 und 70 einen echten Stand erreicht hätten. Dies hat auch früher vollwertigen Gesellschaften entsprochen, sofern sie nicht dividendenfähig waren oder kleinere Verluste bei geringen Reserven zeigten. Und hier muß man einhaken. Bei aller Umstellungsfreudigkeit 1 : 1, die daraus resultiert, die Kapitalbasis zu behalten, bleibt für den deutschen Aktiensparer festzuhalten, daß der Großteil der Werke dieses Verhältnis nur durch fast völligen Verlust der alten Thesaurierungsreserven und durch einen gewissen Vorgriff auf die erwartete Ertragslage der kommenden Jahre aufrechterhalten kann. Die Bilanzbereinigungen (und der Lastenausgleich!) zehren die Reserven, die offenen wie die stillen, nach den teilweise unerträglich hohen Kriegs- und Kriegsfolgeschäden fast ganz auf. Diese aber müssen in Jahren erst wieder angereichert werden, ehe Dividenden zu verantworten sind. Deshalb dürfte der Kursstand jetzt so, wie er nach dem Rückschlag sich eingespielt hat, der Lage entsprechen, und man wird ihn nicht mehr als überhöht ansehen können.

Den Rückschlag hat zumeist das Publikum getragen, weil es in den vergangenen Jahren vergessen hat, wie man mit der Börse umgeht und wann es Zeit ist, vorsichtig zu werden. Diese "Kur" mag für viele bitter gewesen sein. Aber, wenn man sich schon auf dieses Parkett begibt, muß man auch auf seiner spiegelglatten Fläche zu tanzen wissen und sollte sich vor jeder spekulativen Triebfeder hüten. Und es ist auch ein Generationenproblem. Wie lange waren die Börsen noch unechter als heute? Und wie alt muß man sein, um wissen zu können, wie es früher war.

Es gehört zu der Magie des Spieles, daß der Rückschlag gegen Ende November vom Kurs der Aktie ausging, die die Hausse in Bewegung gebracht hatte: vom Stahlverein. Grund war die pessimistische Erklärung der britischen Regierung über die Zukunft des Konzerns, der in London mit seiner "Pariser Studie" über Auslandsbeteiligungen eine Verärgerung hervorgerufen hätte und harte Siegerworte zu hören bekam.

Eines aber bleibt erhalten. Die Wertangleichung der Effektenbesitze an die tatsächlichen Verhältnisse hat eine empfindliche Lücke in der Vermögensbilanz des deutschen Westens geschlossen und hat damit die Aussichten privater Kapitalbildung in der deutschen Unternehmerwirtschaft für die Zukunft erheblich verbessert. Bei Eugen Schmalenbach mag man die einschlägige Theorie nachlesen. O–r