Von Alfred Strobel

Rom, im November

Vor kurzem ist hier aus Paris die Nachricht eingetroffen, daß nunmehr endgültig Florenz als Ort der nächsten Jahrestagung der Unesco im Mai 1950 bestimmt wurde. Diese Nachricht hat besonders in den kulturellen Kreisen Italiens starkes Interesse und lebhafte Erörterungen ausgelöst, da man sich darüber im klaren ist, daß in Florenz die Entscheidung über das Schicksal der Unesco und damit über die derzeitige Form der internationalen kulturellen Zusammenarbeit fallen wird. Man verhehlt sich nicht, daß die Kulturorganisation der Vereinten Nationen besonders seit der letzten Tagung in Paris in eine ernste Krise geraten ist.

Das große Gebäude in der Avenue Kleber in Paris, das während des Krieges der Sitz der deutschen Kommandantur war und in dem sich jetzt das Generalsekretariat der Unesco befindet, sollte eine Art apostolischer Sitz der Weltkultur, der Wissenschaften und der Erziehung sein. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus?

Schon in seinem Tätigkeitsbericht, den er auf der Pariser Tagung erstattete, hat der Generaldirektor Torrés-Bodet darauf hingewiesen, daß sich die Unesco in einer sehr ernsten Krise befinde. Die Hauptverantwortung an dieser Krise teilte er den Mitgliedsstaaten zu, die ein Schwinden des Vertrauens auf die Wirksamkeit der Organisation und nur noch wenig guten Willen zur Mitarbeit zeigen. Dieser Standpunkt und dieser Pessimismus des Generaldirektors lösten eine lange und lebhafte Debatte aus, in der das eigene Schuldbuch der Unesco aufgeschlagen wurde. Vor allem wurde der kostspielige Apparat der Organisation bemängelt, die übertriebene Bürokratie, die in Paris allein über 700 Funktionäre und Angestellte umfasse und die ungeheure Beträge verschlinge, was wiederum zu einer verwirrten und sterilen Tätigkeit führe; ferner der Mangel an klaren Zielen, an konkreten Aufgaben und positiven Leistungen, dagegen eine Überfülle von Rethorik und von Vorschlägen, die in der Praxis gar nicht realisierbar seien. Die Delegierten einiger Staaten erklärten offen, daß sie bei solchen Zuständen (und auch angesichts der derzeitigen Währungsschwierigkeiten gar nicht in der Lage seien, für die Bewilligung weiterer Mittel einzutreten.

Diese Vorgänge auf der Pariser Tagung haben deutlich gezeigt, daß die Unesco nur dann aus der Krise befreit und am Leben erhalten werden kann, wenn es gelingt, erstens die wachsende Abneigung der Mitgliedstaaten zu überwinden und sie zu einer neuen aktiven Mithilfe an der internationalen kulturellen Zusammenarbeit zu bewegen, zweitens den kostspieligen und schwerfälligen bürokratischen Apparat abzubauen und die Organisation nur von Menschen betreuen zu lassen, die selbst ein tätiges Interesse am Ausbau der internationalen Kulturgemeinschaft nehmen, drittens in den Völkern selbst durch kluge und praktische Maßnahmen endlich Teilnahme für die Unesco zu erwecken, und viertens die Inflation von wertlosen Reden, Propagandaschriften und so weiter einzudämmen.

Wohl ist es dem Generaldirektor Torrés-Bodet noch einmal gelungen, ein Budget der Unesco mit acht Millionen Dollar für das Jahr 1950 durchzudrücken. Aber das war sein persönlicher Erfolg, und es war bestimmt kein Präjustiz für die Zukunft; denn über die Zukunft wird der Kongreß von Florenz entscheiden. In Italien hofft man, daß gerade die faszinierende kulturelle und historische Atmosphäre dieser Stadt viel zur Besinnung der Teilnehmer auf ihre Mission und ihre Aufgaben beitragen wird. Von italienischer Seite aus wird jedenfalls alles getan werden, um den Übergang der Unesco von einer unfruchtbar im Bürokratismus erstickenden zu einer die kulturelle Gemeinschaftsarbeit wirklich fördernden Organisation zu ermöglichen.

Man weiß auch in Italien, daß, selbst wenn es gelingen sollte, die jetzige Krise zu überwinden, die Unesco noch viele Schwierigkeiten vor sich haben wird, ehe sie zu einer allgemeinen Arbeit für die Kultur der Gesamtmenschheit kommen kann. Auch die Auseinandersetzungen zwischen West und Ost spielen dabei eine Rolle. Die Kommunisten bezeichnen die Unesco bereits als ein Instrument des Kapitalismus, als eine "Verteidigungswaffe der untergehenden bürgerlichen Kultur". Man hat auf der Pariser Tagung auch die heftigen Protestkundgebungen von drei Satelliten Moskaus (Polen, Tschechoslowakei und Ungarn) erlebt, als der Antrag gestellt wurde, Deutschland und Japan aufzunehmen. Die Kultur ist nach dem Moskauer Programm auch nur ein Schlachtfeld im "Kalten Krieg", und diesen Umstand muß man mit bedenken, wenn man sich über die Bedeutung und die Aufgaben des kommenden Kongresses von Florenz heute schon ein Bild machen will.