Wir müssen unsere Leute nicht nur am Leben, sondern auch an ihrer Arbeit halten", sagt der Leiter der Weihnachtsmesse, die das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg eröffnete. – Unsere Leute, das sind Frauen und Männer, die im Kunstgewerbe arbeiten, die Weber, Buchbinder, Modisten, Spielzeugbastler und Glasschleifer. Man wird sich kaum eine Vorstellung davon machen, wie schlecht es ihnen geht, nicht nur in Hamburg, sondern in allen deutschen Ländern. Die Weihnachtsmessen sollen ihnen Gelegenheit geben, ihre Erzeugnisse an das Publikum zu bringen, ohne bereits im voraus durch hohe Standmieten oder Steuern in den Verkaufspreisen gehandicapt zu sein."

In einigen großen Räumen des Museums findet die Hamburger Ausstellung statt. Und es ist so, daß sie noch einen anderen als nur sozialen Zweck hat: sie soll zum Geschmack erziehen:

Keiner der ausgestellten Gegenstände ist ein Massenfabrikat. Um die handgeknüpften deutschen Teppiche und die gewebten Kissenbezüge und Decken scharen sich die meisten Besucher, vielleicht weil sie gerade diese Dinge erst jetzt, vier Jahre nach Ende des Krieges und nach der Neuanschaffung des Allernotwendigsten, ersetzen können. Die Preise sind oft noch niedriger als im Geschäft für die gleiche Ware aus der Serienproduktion. Ein handgewebter Kissenbezug kostet 12,40 DM, einen geschmackvollen Vorleger kann man schon für 20 DM erstehen. – Freilich haftet einigen kunstgewerblichen Gegenständen noch ein fataler R-Mark-Geruch an; man fühlt sich an die Zeit vor der Währungsreform erinnert, als die sogenannten Kunstgewerbeläden wie Pilze aus der Erde schossen und Waren zum Verkauf boten, die mit echter künstlerischer Handarbeit nichts mehr zu tun hatten. Leider erinnern auf der Hamburger Ausstellung einige Gegenstände an diese Zeit, so eine besonders primitive Holzeisenbahn für Kinder und Holzleuchter, die vielen Besuchern genau so überflüssig vorkommen, wie die Heerscharen von Aschbechern damals.

"Wir haben nur Gegenstände ausgestellt, die wirklich gebraucht werden", sagt der Leiter, "keiner kann sagen –: was die zeigen, mag ja ganz schön sein, aber dazu habe ich kein Geld. Wir haben keine Luxusware und auch keine Dinge, die nur in die Kunst gehören wie etwa Bilder, obwohl die Schüler der Landeskunstschule unter unseren Ausstellern sind. Nach dem Besuch dieser Messe können sich die Käufer entscheiden, ob sie ihre Gebrauchsgegenstände – Teppiche, Küchengeräte, Uhren, Gläser und Porzellan – aus der fabrikmäßig hergestellten Serienproduktion entnehmen oder ob sie durch ihr Geld notleidende Kunstgewerbler unterstützen wollen, die ihnen denselben Gegenstand für dasselbe Geld durch eigener Hände Arbeit herstellen. Wenn es uns jetzt nicht mehr gelingt, das breite Publikum für den künstlerischen und ethischen Wert eines handgefertigten Gegenstandes zu gewinnen, dann wird es uns nie mehr gelingen. In diesem Falle wird es nur noch kurze Zeit dauern, bis gerade die begabtesten der Kunsthandwerker in die Fabrikarbeit eingereiht sind."

Das Hamburger Gewerbemuseum hat seit seiner Gründung im Jahre 1886 immer engen Kontakt mit den einzelnen Kunstgewerblern gehalten. In Hamburg selbst waren es meist Goldschmiede oder Keramiker. Sie pflegten jedes Jahr in einer Weihnachtsmesse ihre schönsten Erzeugnisse auszustellen. Diese Gewohnheit wurde durch den Krieg; im Jahre 1939 unterbrochen. Jetzt hat sich das Bild der Kunstgewerbler in der Hansestadt und ihrer Umgebung geändert. Es sind noch mehr geworden als vor dem Krieg; viele Flüchtlinge sind dazugekommen, so daß jetzt die Weber die Goldschmiede und Keramiker übertreffen. – "Vor einigen Wochen", so erzählt der Leiter vom Gewerbemuseum, "kam eine ältere Frau ins Zimmer, der die Not im Gesicht geschrieben stand. Sie packte aus ihrer Tasche die schönsten Gläser aus, lauter erstklassige Zeugnisse für beste schlesische Glasbläserarbeit. Solchen Leuten muß man helfen

Über fünfzig Stände aus allen Gebieten des Kunstgewerbes sind auf der Messe vertreten. Hilfe für das Kunstgewerbe und Hebung, des Geschmacks jedes einzelnen, damit er das handgefertigte Individuelle außer der gleichmachenden Fließbandware schätzt, das sind die beiden großen Ziele, denen die diesjährigen Weihnachtsmessen ein Stück näherkommen möchten,

Adrian Meierholt