Kriegsverbrecher, die nichts verbrochen haben – Astronomisches Strafmaß – Verweigerte – Revision

Von Marion Gräfin Dönhoff

Die Schatten des totalen Krieges reichen weit hinein in die Epoche des sogenannten Friedens. War damals der Anspruch des Staates an den Bürger ein totaler, so ist heute der Vorsatz, ihn umzuerziehen, nicht minder total – sogar das Recht wird zuweilen diesen Zwecken dienstbar gemacht und verliert damit den Charakter der "Majestät".

Zwei Dinge waren es, die die alliierte Rechtsprechung bestimmten, als man nach der deutschen Kapitulation an die Liquidierung des Hitler-Regimes ging: die Vorstellung, daß die auf ewig Verbundenen Sieger den Krieg für alle Zeiten unmöglich machen könnten. Und ferner das begreifliche Verlangen, diejenigen zur Rechenschaft zu ziehen, die soviel Leid über die Welt gebracht haben, wobei man von der Idee ausging, daß der Nationalsozialismus sich nur habe ausbreiten können, weil die einzelnen Bürger nicht genug Widerstand geleistet hätten. So wie ein Tertianer, der Karl May liest, sich selbst stets in die Rolle des edlen Winnetou hineindenkt, haben die Alliierten sich stets in der Rolle des Widerstandskämpfers gesehen und dabei vergessen, daß Heldentum etwas sehr Seltenes ist, etwas, das sich nicht zur Norm erheben und fordern läßt. Alle alliierten Gerichtsverfahren seit 1945 basierten daher auf dem Vorwurf des unterlassenen Widerstandes, so daß die jahrtausendealte Frage, ob der Bürger das Recht habe, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen, ganz im Gegensatz zu dem Brief des Apostel Paulus an die Römer kurzerhand in die Feststellung abgewandelt wurde, daß er die Pflicht habe, dies zu tun. Heute schon beginnt diese unbekümmerte Forderung für jeden fragwürdig zu werden, der die Vorgänge in den Satellitenstaaten aufmerksam verfolgt. Gerade in den letzten Wochen war selbst die katholische Kirche genötigt, die kompromißlose Politik des Exkommunikationsdekrets in der Tschechoslowakei abzuschwächen. Sie hat sogar einer bedingten Eidleistung der Priester auf das kommunistische System zugestimmt, weil sie die Grenzen menschlicher Leistungsfähigkeit und Standhaftigkeit kennt.

Auch die andere Vorstellung, es gäbe die Möglichkeit, den Krieg in aller Zukunft zu verhüten, ist inzwischen mindestens zweifelhaft geworden. Jedenfalls muß man annehmen, daß der idyllische Traum, man könne mit einer geeigneten moralischen Erziehung den Krieg verhüten, so wie man dank hygienischer Belehrungen ansteckende Krankheiten oder die Kindersterblichkeit bannt, kaum mehr glaubhaft erscheint angesichts der Tatsache, daß fast alle Länder ein Drittel ihres Budgets für Rüstungszwecke verwenden.

Eine Zeit, in der alles derart im Fluß ist, daß die Ideale von gestern bereits heute zur Torheit werden, ist nicht dazu angetan, neues dauerhaftes Recht zu schaffen, wie man es in Nürnberg eigentlich vorhatte. Es kann ferner niemanden wundernehmen, daß de allierten Sondergerichte der verschiedenen Zonnen besonders in der ersten "Sturm-und-Drang-Zeit" nach der Kapitulation Urteile gesprochen haben, die aus einer ruhigeren Atmosphäre betrachtet, nicht mehr als gerecht bezeichnet werden können. Wie notwendig eine Amnestie und Überprüfung dieser Urteile ist, wird aber erst deutlich, wenn man einmal Einzelfälle herausgreift und betrachtet.

Es sitzen in Landsberg neben den in Nürnberg Verurteilten alle diejenigen, die seit 1945 von amerikanischen Sondergerichten verurteilt wurden. Unter ihnen befindet sich beispielsweise ein Häftling namens Arthur Dietzsch (Case – 000 – 50 – 9). Wegen seiner antinationalsozialistischen Gesinnung war er von 1942 bis 1945 im KZ, zuletzt in Buchenwald, wo er von einem SS-Arzt unter Hinweis darauf, daß Befehlsverweigerung Sabotage sei und mit dem Tode bestraft werde, gezwungen wurde, bei Fleckfieberversuchen mitzuwirken. Es liegen im übrigen Beweise vor für die Rettung vieler Gefangener, darunter eines englischen und zweier französischer Offiziere. Der englische Offizier, Oberst Forest Yeo Thomas, hat 1948 ein Gnadengesuch für Dietzsch an General Clay gerichtet. Obgleich dieser Fall eindeutig unter den Begriff des gesetzlichen Notstandes fällt, ist Dietzsch zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt worden,