Liebe ist etwas ganz anderes

Die Frau Gemahlin des Teufels saß gelangweiltim Liegestuhl und betrachtete eben die Ohren ihres Gatten; kluge Ohren, straff an den Kopf gehaltene Ohren, die keine andere Eigenart besaßen, als oben je eine kleine, spitze Ausbuchtung. Das war der Rest der Hörner. Die Menschen, da sie von der Klugheit mehr hielten als von dem kaum sichtbaren Stigma der Verdammnis, übersahen die kleinen Spitzen der Ohrmuscheln. "Viel zu tun?" fragte die Frau Gemahlin, indem sie diskret – denn sie schuldete es ihrem Stand als First Lady, die Vornehmheit zu wahren – ein Gähnen unterdrückte. "Wie meinst du,. Liebes?"

Der Teufel hatte offensichtlich nicht zugehört und kramte sogleich wieder in den Papieren, deren einer Stapel links und deren anderer, erledigter Stapel rechts auf dem Schreibtisch lag. Ein leiser Wind streichelte über die Terrasse, auf der Se. Allertief sie Verdammnis an Sommertagen zu arbeiten pflegte.

Plötzlich schob der Teufel, sich dunkel erinnernd, daß er angesprochen worden war und Antwort gegeben hatte, die Papiere beiseite und warf sich mit einem Ruck in den Stuhl zurück. "Wollen wir weiter so arbeiten oder eine Stunde lang auch einmal an uns denken?"

Die Frau Gemahlin gähnte. Wenn ihr Gatte generös sagte "An uns denken", dann meinte er "An mich denken", denn er kannte, da er die Verdammnis selbst war, nur sich, nur seine Pläne, nur sein Amt und nur seine elegante Mannesschönheit, die er gern unter den Menschen zur Schau trug. Die Arbeit war, wenn er so sprach, zu Ende. Ein paar tausend zur Unterschrift fertige Todesurteile, noch nicht gegengezeichnet, wurden ins Arbeitszimmer getragen, damit der seichte Wind keines von ihnen verwehte. Ein paar tausend Menschen bekamen durch die Laune des Teufels, einmal an sich selbst zu denken, einen Aufschub von vierundzwanzig Stunden. Darauf begab der Teufel sich ins Bad und erschien nach einer halben Stunde im Frack, den er stets trug, sobald er sich außer Haus begab, denn es war ein Grad der Verdammnis, sich stets langweilen zu müssen. Madame trug ein großes Abendkleid.

Wie die beiden so den Sommersitz verließen, waren sie anzusehen, wie ein Liebespaar in der abgeklärten Reife der Gewöhnung; doch waren sie kein liebendes Paar, nicht deswegen etwa, weil sie sich betrogen, sondern weil ihnen zur Liebe soviel fehlte, daß sogar die prickelnde Furcht vor der Aufdeckung des Betruges von ihnen genommen war. Gelangweilt standen sie, ein schönes Paar, am Straßenrand und wünschten sich ein Taxi. Lange brauchten sie nicht zu warten, denn der Teufel, wie die Kinder der Unschuld wissen, besitzt die kleine Allmacht. Ein Taxi glitt bis an die Bordschwelle und nahm das Paar auf. Aus der Tasche, die flach lag, wie die Taschen der Frackhose zu liegen, haben, bezahlte der Teufel den Fahrpreis und ließ sich kleinlich an Scheidemünze herausgeben, was über den Fahrpreis ging. Aus der gleichen Tasche, die allmächtig viel Geld barg, bezahlte der Teufel den Eintritt zum Blauen Saal, kaufte einen ganzen Stapel Jetons und ließ für seine Gattin, – Sekt bringen. Madame spielte nicht.

Architekt Speidel war ein schöner Mann, trug einen ausgezeichnet geschnittenen Frack und spielte nicht, da er mit dem Glück auch ohne dies spielend zurechtkam. Daher konnte er auch mit Frauen nicht umgehen. "Bitte!" nickte er errötend, als die Gemahlin des Teufels ihm gegenüber an dem gleichen kleinen Tischchen Platz nahm. Er setzte die Brille auf, die ihn nicht schmückte, doch er mußte in seiner Verlegenheit etwas tun. Speidel baute Häuser, deren Grundrisse und Innenausstattung in den führenden internationalen Zeitungen gezeigt wurden. Eben baute er wieder an Häusern, während er durch das strahlend schöne Weib hindurchsah. Er hätte seinen Blick verkürzen sollen, denn der Grundriß des Weibes, das ihm gegenübersaß, war dem großen Absoluten näher als sein menschliches Denkwerk, das um kalte Formen ging. Madame erhob ihr Glas.

"Ach ja!" sagte der Architekt und erhob ebenfalls sein Glas, das er sofort in Hast leerte. Da er immer Grundrisse sah, hatte er einen sehr tiefen Blick, den die Gattin des Teufels nach ihren Maßstäben deutete. Darauf schob sie unter dem Tischchen dem Mann einen Fuß entgegen und streichelte mit ihrer Wade das in die Frackhose gehüllte Bein des Gegenübers. Der Architekt wollte wieder "Ach ja!" sagen, doch faßte er sich in Verlegenheit und bat die Dame zum Tanz.

Liebe ist etwas ganz anderes

Sie waren ein schönes Paar. Man sah sich nach ihnen um, als sie im Nebenraum tanzten, während der Teufel an den kleinen Rechtsanwalt Kainz, der bei seiner lauen Praxis Zeit genug fand, geistvolle Essays über das Recht und die Justiz zu schreiben, soviel Geld verlor, daß sich selbst seine Allmacht durch die Höhe der verlorenen Summe leicht angegriffen fühlte. Als der Teufel sich umdrehte, nach seiner Gemahlin zu sehen, kam diese eben mit ihrem Tänzer wieder in den Blauen Saal und hatte das Antlitz voll drängender Sinnlichkeit.

"Ach ja!" sagte der Teufel und wollte weiterspielen, doch sein kleiner, hartnäckiger Gegner hatte kein Auge mehr für das Spiel, sordern starrte – denn er gab nicht viel auf die Gebräuche der Gebildeten – unentwegt auf die glänzende Frauengestalt. "Wer ist das?" fragte er den Teufel. "Diaboline. – "Schöner Name!" – "Daß ihr Menschen immer das Teuflische schön finden müßt!" – "Die Dame ist Ihre Gattin?" – "Laubfrosch!" sagte der Teufel verächtlich, da es ihm peinlich war, wenn unter Menschen von Geist die Schönheit seiner Frau das gleiche Aufsehen erregte wie unter den Narren, die nicht fähig waren, hinter eine Maske zu schauen.

Man spielte nicht mehr weiter, und das Ehepaar trank aus, obgleich der Sekt schon warm war. Das entsprach dem Geiz des Teufels. Beim Verlassen des Blauen Saales, als wie von einer unhörbaren Pfeife gerufen wieder ein Taxi bis an den Bordstein glitt, drückte Diaboline sich eng an den Gatten, denn sie war durch den Tanz mit dem schönen Mann in Sinnlichkeit aufgelodert. Sie hielt die Hand des Teufels und sagte ihm heiße, glühende Dinge ins spitze Ohr, die nachhallten und nachglühten in der Finsternis, in der sie beide die Tragödie der Schöpfung zur Posse machten.

Auf dem Schreibtisch lagen die Todesurteile, rechts die bestätigten oder abgelehnten, links die noch unerledigten, wie sie von Gott gekommen waren, daß der Teufel sie gegenzeichnen solte. Der Teufel, als er inmitten der Nacht aufwachte, sah das Bett neben sich leer und gewahrte Licht im Türspalt zum Arbeitszimmer. Er schlich auf den Zehenballen an die Tür und erblickte seine Gattin, wie sie im langen Nachthemd am Schreibtisch saß und die Urteile durchblätterte.

Anderntags ging er zeitig schon an die Arbeit. Er wußte genau das Blatt, um dessentwillen seine Gattin bei Nacht alles durchsucht hatte. Speidel, Egon, Architekt, neununddreißig Jahre, ledig, Ästhet von feinem Formgefühl, Erbauer des Zeitungspalastes in Asuncion, Berater des Kaisers von Abessinien. Die ganz persönlichen und auf das Menschliche sich beziehenden Vermerke waren in kleiner, nur für den Teufel lesbarer Geheimschrift aufgezeichnet, und da bei aller Geringfügigkeit der Unterschiede zwischen Teufel und Mensch manches Menschliche dem Teufel fehlt, war er noch nie der Versuchung erlegen, seiner Frau Gemahlin die Geheimzeichen zu erklären. Da er der Teufel war, lächelte er dünn und machte die Gegenzeichnung, durch die das Todesurteil vollstreckbar wurde. So entsprach es dem Willen der Frau Gemahlin.

Herr Speidel, ein ungewöhnlich sicherer Autofahrer, weil er eben das nicht besaß, was andere wirr und unsicher macht, strich mit beiden Händen bei neunzig Stundenkilometern sein Haar glatt und kam wenige Minuten später Urteilsgemäß, da der Weg kurz ist, in der Ewigkeit an. Eben saß Se. Allertief sie Verdammnis, eine Zigarette rauchend, auf den Stufen der Terrasse und schenkte dem Gast kaum Beachtung. "Gehen Sie zu meiner Frau!" sagte er und sah durch den Mann hindurch, wie dieser gestern durch den Grundriß von Madame hindurchgesehen hatte.

Madame probte eben ein neues Kleid und bat Herrn Speidel, ihr doch die Haften zuzumachen. "Schön von Ihnen, Herr Speidel, daß Sie da sind. Ihr Menschen nehmt das alles zu hart und seht es zu schwierig an. War es übrigens schlimm?" Madame brach ab, denn sie gewahrte zu ihrem Erschrecken, daß der Mann die Haften des Kleides tatsächlich schloß, anstatt sie sämtlich zu öffnen und die Hülle abzureißen. "Ob es schlimm war?" meinte der Architekt. "Ach ja, Sie meinen das mit dem Sterben. Sehen Sie, gnädige Frau: es ist erschreckend, daß die Leute so sehr in Herkömmlichkeiten verkrampft sind und sich nicht durchringen wollen zu einer materialgerechten Verwendung und Verformung der heutigen Baustoffe. Haben Sie je schon bedacht, wie klar entwickelt die Form der alten Kilometersteine ist? Materialgemäß, zeitgemäß, von einem absoluten Formwillen bestimmt."

Liebe ist etwas ganz anderes

"Der Kilometerstein als Ihre letzte Erinnerung aus der Welt mag aller Ehren wert sein, aber würden Sie nicht die Güte haben, die Haften aufzumachen, anstatt sie sämtlich zu schließen?"

Herr Speidel ließ sich von Diaboline in die Arme nehmen, wobei er des Glaubens blieb, er habe sie in die Arme genommen. Er bemühte sich nach seinen bescheidenen Erfahrungen, die Liebe der Dame zu nehmen, wobei er des Glaubens war, er gebe die Liebe. Er konnte sich den Namen der Dame schlecht merken und sagte "Grundriß", wo er Leidenschaft hätte sagen müssen. Er sagte "Wie meinst du, Liebes?", geneu wie der Teufel, der auch immer gedankenlos war, und erklärte mit einer Hast, als habe er während der ganzen Umarmung angestrengt darüber nachgedacht, daß die Universität in Ankara völlig anders in die Landschaft hätte gestellt werden müssen.

Diaboline jedenfalls besaß am anderen Morgen einen wohldurchdachten Plan für ein winterliches Stadtpalais und die Enttäuschung, daß die Menschen sich in gar nichts unterschieden von ihrem Gatten. Sie dachte etwas Verächtliches über das Geschlecht der Männer. Da hörte sie draußen ihren Mann, der immer schon zeitig am Morgen arbeitete, sich mit einem Mann zanken. – Zank, Streit und Auseinandersetzungen wurden bei Se. Allertiefsten Verdammnis nur leise und stets mit einem Lächeln geführt; doch Madame kannte den Tonfall zu gut, um nicht sogleich zu wissen, daß im Arbeitszimmer eine heftige Auseinandersetzung im Gange war. Sie erhob sich von ihrer Bettcouch schob Herrn Speidel durch die Badtür ab und lauschte.

"Warum kommen Sie, ohne Befehl, ohne Urteil?" Eine bescheidene Männerstimme antwortete betreten: "Ich liebe Ihre Frau Gemahlin. Ein einziges Mal habe ich sie gesehen und liebe sie." – "Das können Sie, mein lieber Kainz. Aber nicht ohne Urteil, nicht ohne Sterben, nicht ohne die Verwandlung, die ihr Menschen so frivol die Verdammnis nennt. Sie leben ja, mein Lieber." – "Ich möchte auch leben. Ich liebe Madame. Da haben Sie Ihr Geld. Mir lassen Sie bitte meinen Hunger wieder. Wo ist Ihre Frau Gemahlin?"

Das war also der kleine Rechtsanwalt, der den Herrn Gemahl mit einem netten Spielverlust unterhalten hatte, während sie mit Speidel tanzend aus dem Blauen Saal geschwebt war. Schön war der Kerl nicht, arm war er auch, Essays schrieb er; aber geistreich war ja auch der Teufel und dieser Herr Speidel Übrigens war dieser Kainz ein lebendiger Mensch, der sich hier kurzweg Einlaß verschafft hatte.

"Wenn Sie wollen", lächelte eben der Teufel, "dann bleibt Ihnen nichts übrig als zu sterben. Dann steht Ihrer Liebe zu Madame nichts mehr im Weg." – "Kann man hernach, jenseits des Sterbens, noch hungern?" – "Hungern? Nein." – "Dann kann man auch nicht lieben. Kann man jenseits des Sterbens noch weinen?" – "Lächerlich!" – "Ohne Weinen kann man nicht lieben." – "Was wollen Sie denn? Unbedingt lieben? Ich möchte geliebt werden!" – "Das sind die Verdammten, hoher Herr, die beliebt werden möchten. Die Seligen möchten lieben." – "Ich bin aber verdammt, mein lieber kleiner Kainz. Ich bin die Verdammnis selbst." – "Darum eben komme ich. Ich möchte Ihre Frau von Ihnen erlösen."

Der Teufel, sonst von überlegener Haltung, lachte laut und verärgert. Er stieß die Tür auf. "Dann gehen Sie doch selbst zu ihr, Sie billiger Erlöser! Sie scheinen nicht zu wissen, daß dies der-Tod ist, daß Sie nur als Verdammter hierher kommen können." – "Die Liebe ist Verdammung genug."

Liebe ist etwas ganz anderes

Die schöne Frau wich, als sie des Gastes ansichtig wurde, in den Raum zurück, damit der Mann sie nacht berühre, dessen Joppenärmel abgescheuert waren, denn seine Anwaltpraxis ging schlecht und seine Essays gingen noch schlechter. Doch nicht dieScheu vor der Armut war es, was sie zurückweichen ließ, sondern die Angst um den Menschen, der hier hilflos war und verbrennen mußte sobald er sie auch nur berührte.

"Diaboline!" sagte der Mann, und Diaboline besann sich, daß ihr Gatte den Namen noch nie, noch gar nie so ausgesprochen hatte. Der kleine – Kainz kramte ein zusammengefaltetes Papier aus der Tasche. "Ein Essay über die Liebe, Diaboline." Diaboline, ohne das Papier in die Hand zu nehmen, denn es würde im gleichen Augenblick ohne Rauch verbrennen, las an der Schulter des kleinen Kainz vorbei nur die erste Zeile: Liebe ist etwas ganz anderes.

Sie nahm das Blatt selbst, doch kaum hatte sie es mit spitzem Finger berührt, wehte etwas, kaum ein Rauch, über die Hand, und das Papier fiel als Asche zu Boden. "Das sind Taschenspielerkunststücke, meine Liebe", sagte der Besucher ernst und setzte sich furchtlos neben Diaboline auf die Couch, "aber es mag (besser sein, von der Liebe nicht zu schreiben, da doch niemand die ganze wunderschöne und armselige Verdammnis beschreiben könnte, die wir Liebe nennen. Laß die Asche und hör zu!"

Diaboline, den Blick wie in Schamhaftigkeit gesenkt, hörte in ihre Verdammnis hinein die Mär von der göttlichen Verdammnis der Menschen, immer wie Gott selbst sich verschenken zu müssen und immer selig zu hungern ohne -Sättigung und ewig erlösend zu dulden, ohne je anders erlöst zu werden als in der Seligkeit des anderen. Da fiel aus beiden Augen Diabolines eine Träne, denn noch nie hatte sie sich so tief verdammt gefühlt wie in diesem Augenblick, da sie von einem Menschen erfuhr, daß die Menschen etwas erdulden durften, was ihre seit aller Ewigkeit verwehrt blieb. Die Tränen fielen auf die Hand des Mannes und erloschen sogleich, doch durfte die Hand nun ohne Scheu und Gefahr nach ihr fassen und sie an sich nehmen. Da die Liebe aber nicht das Nehmen ist, legte der Mann nur leicht und wie streichelnd seine Hand auf das Haar.

"Arme Verdammte!" sagte der Mann. Dann ging er leise und voll Mitleids.

"Schafskopf!" sagte Diaboline verächtlich und mußte zwei Tränen des enttäuschten Zorns löschen, ehe sie wieder nach Herrn Speidel rief, der inzwischen den Plan für ein Winterpalais weiter entwickelt hatte, ein schöner Mann war und notfalls von der Liebe soviel wußte, wie hier unter Verdammten gang und gäbe war.