"Der Kilometerstein als Ihre letzte Erinnerung aus der Welt mag aller Ehren wert sein, aber würden Sie nicht die Güte haben, die Haften aufzumachen, anstatt sie sämtlich zu schließen?"

Herr Speidel ließ sich von Diaboline in die Arme nehmen, wobei er des Glaubens blieb, er habe sie in die Arme genommen. Er bemühte sich nach seinen bescheidenen Erfahrungen, die Liebe der Dame zu nehmen, wobei er des Glaubens war, er gebe die Liebe. Er konnte sich den Namen der Dame schlecht merken und sagte "Grundriß", wo er Leidenschaft hätte sagen müssen. Er sagte "Wie meinst du, Liebes?", geneu wie der Teufel, der auch immer gedankenlos war, und erklärte mit einer Hast, als habe er während der ganzen Umarmung angestrengt darüber nachgedacht, daß die Universität in Ankara völlig anders in die Landschaft hätte gestellt werden müssen.

Diaboline jedenfalls besaß am anderen Morgen einen wohldurchdachten Plan für ein winterliches Stadtpalais und die Enttäuschung, daß die Menschen sich in gar nichts unterschieden von ihrem Gatten. Sie dachte etwas Verächtliches über das Geschlecht der Männer. Da hörte sie draußen ihren Mann, der immer schon zeitig am Morgen arbeitete, sich mit einem Mann zanken. – Zank, Streit und Auseinandersetzungen wurden bei Se. Allertiefsten Verdammnis nur leise und stets mit einem Lächeln geführt; doch Madame kannte den Tonfall zu gut, um nicht sogleich zu wissen, daß im Arbeitszimmer eine heftige Auseinandersetzung im Gange war. Sie erhob sich von ihrer Bettcouch schob Herrn Speidel durch die Badtür ab und lauschte.

"Warum kommen Sie, ohne Befehl, ohne Urteil?" Eine bescheidene Männerstimme antwortete betreten: "Ich liebe Ihre Frau Gemahlin. Ein einziges Mal habe ich sie gesehen und liebe sie." – "Das können Sie, mein lieber Kainz. Aber nicht ohne Urteil, nicht ohne Sterben, nicht ohne die Verwandlung, die ihr Menschen so frivol die Verdammnis nennt. Sie leben ja, mein Lieber." – "Ich möchte auch leben. Ich liebe Madame. Da haben Sie Ihr Geld. Mir lassen Sie bitte meinen Hunger wieder. Wo ist Ihre Frau Gemahlin?"

Das war also der kleine Rechtsanwalt, der den Herrn Gemahl mit einem netten Spielverlust unterhalten hatte, während sie mit Speidel tanzend aus dem Blauen Saal geschwebt war. Schön war der Kerl nicht, arm war er auch, Essays schrieb er; aber geistreich war ja auch der Teufel und dieser Herr Speidel Übrigens war dieser Kainz ein lebendiger Mensch, der sich hier kurzweg Einlaß verschafft hatte.

"Wenn Sie wollen", lächelte eben der Teufel, "dann bleibt Ihnen nichts übrig als zu sterben. Dann steht Ihrer Liebe zu Madame nichts mehr im Weg." – "Kann man hernach, jenseits des Sterbens, noch hungern?" – "Hungern? Nein." – "Dann kann man auch nicht lieben. Kann man jenseits des Sterbens noch weinen?" – "Lächerlich!" – "Ohne Weinen kann man nicht lieben." – "Was wollen Sie denn? Unbedingt lieben? Ich möchte geliebt werden!" – "Das sind die Verdammten, hoher Herr, die beliebt werden möchten. Die Seligen möchten lieben." – "Ich bin aber verdammt, mein lieber kleiner Kainz. Ich bin die Verdammnis selbst." – "Darum eben komme ich. Ich möchte Ihre Frau von Ihnen erlösen."

Der Teufel, sonst von überlegener Haltung, lachte laut und verärgert. Er stieß die Tür auf. "Dann gehen Sie doch selbst zu ihr, Sie billiger Erlöser! Sie scheinen nicht zu wissen, daß dies der-Tod ist, daß Sie nur als Verdammter hierher kommen können." – "Die Liebe ist Verdammung genug."