Mißbrauchte Macht in fünfundzwanzig Jahrhunderten

Von Walter Fredericia

Fünfundzwanzig Jahrhunderte kann man überblicken. Ist ihre Geschichte eine illustre Aufeinanderfolge von Heldenkämpfen für das Wohl der Völker? Oder ist sie ein Rückblick auf eine Serie von Gewalttaten? Wir erst recht leben im Zeitalter der Gewalt, einer Gewalt freilich, die sich immer wieder bemüht, Vorwände zu finden, und die, wenn sie ihre Rücksichtslosigkeit entfaltet, immer im Dienst von irgend etwas steht. Die Gewalt handelt im Interesse "des deutschen Volkes", "des Weltproletariats", "des Kampfes gegen den Faschismus" oder "des Kampfes gegen den "Trotzkismus" oder gegen "den imperialistischen Kapitalismus" und so weiter- In Wirklichkeit aber geht es immer darum, die eigene Macht zu sichern. So wird die Macht von der Gewalttat wie von ihrem Schatten begleitet. Und "Schatten der Macht" (Leopold Stocker Verlag, Graz, 1949) nennt Bruno Brehm sein neues Buch, dessen Umschlag einen Galgen im Düster der Morgendämmerung zeigt. Brehm hat selbst nur 50 von den etwa 550 Seiten des Buches geschrieben. Das übrige sind Zitate, von der Bibel und von Plutarch bis Dostojewskij, und Berichte, die die Zeit vom tiefsten Altertum bis in unsere Nachkriegstage umfassen. Brehm zeigt damit, daß es die Gewalttat immer gegeben hat. Aber er weist auch nach, daß keine Zeit die Gewalt in einem solchen Umfang mißbraucht hat wie die unsrige. An die Spitze seiner Analyse setzt er folgende Meldung einer österreichischen Zeitung:

Wien, 16. 9. 1947.

Journalisten der "Arbeiter-Zeitung" haben in einem Wiener Kaffeehaus die anwesenden Gäste befragt, wie viele von ihnen im Laufe ihres Lebens bereits ein- oder mehrmals ihrer persönlichen Freiheit beraubt waren. Von den 45 Anwesenden waren nur zwei niemals eingesperrt gewesen, ein 72jähriger Postpensionist und eine alte Bedienerin. Alle – übrigen waren bereits teils als Kriegsgefangene, teils als politische Gefangene aller Dichtungen und zwei aus kriminellen Gründen in Haft gewesen. (Salzburger Nachrichten)

Für diese ehemaligen Gefangenen aller politischen Richtungen und für die Kriegsgefangenen aller Armeen, sagt Brehm, habe er dieses Buch geschrieben. Mit dem Sprichwort "Wo gehobelt wird, fallen Späne" beginnt es, mit dem Rauch der Krematorien und mit den Straßengräben voll Verhungerter endet es, sagt er an einer andern Stelle. Und wie die Späne fielen, das zeigen die Zitate und Berichte. Hier ein paar Beispiele.

Das Grauen der Proskriptionen