Der englische Film "Der Fall Winslow" wurde von der "Freiwilligen Selbstkontrolle der deutschen Filmwirtschaft" den Kultusministerien der Länder nachdrücklich empfohlen, da er "zu wichtigen Gegenwartsproblemen Stellung nimmt". Nach dem kürzlich durch Gründgens in Düsseldorf uraufgeführten Bühnenstück (The Winslow Boy) hat der Autor Terence Rattigan mit Anatole de Grunewald das Drehbuch zu einem mit intensiver Spannung geladenen, sehr künstlerischen Film geschrieben (Regie Anthony Asquith), der kürzlich in Hamburg (Urania) anlief. Justitia auf der Leinwand ist meistens erfolgreich; aber dieser Präzedenzfall von dem Vater, der mit seinem brillanten Anwalt (Robert Donat spielt ihn mit Bravour) über alle Instanzen gegen den höchsten Mann im Staat, den englischen König, sein Recht erkämpft, war kurz vor dem ersten Weltkrieg eine politische Sensation. Dieser Korda-Film Ist in seiner Verhaltenheit und kühlen Starre sehr englisch und gibt tiefe Einblicke in Lebensweise und Mentalität dieses Volkes, darüber hinaus wird an dem an sich belanglosen Fall des Knaben Ronnie, des wegen eines angeblichen Diebstahls von fünf Schilling aus der Navy ausgestoßenen Seekadetten, ein Musterbeispiel Demokratie vorexerziert in einem Kulturstaat, wo auch der Geringste gegen den Mächtigsten seine Stimme erheben kann, damit "Recht Recht bleibe", nicht als Phrase, sondern als Realität. E. M.