Über die Notwendigkeit einer raschen und verstärkten Rationalisierung braucht kein Wort mehr verloren zu werden. Diese Erkenntnis hat sich heute allgemein durchgesetzt, insbesondere seitdem die Betriebe immer stärker in die Zange der hohen Kosten und sinkenden Preise geraten. Trotzdem darf die heute manchmal sehr laute Bekundung der Rationalisierungsbereitschaft nicht darüber hinwegtäuschen, daß es sich hierbei häufig nur um leere Redensarten handelt, hinter denen kein ernsthaftes Wollen steht. Das ist vor allem dort der Fall, wo die Unternehmer und Betriebsführet versichern, daß sie liebend gern ihre Betriebe durchrationalisieren und die modernsten Maschinen anschaffen würden, wenn sie das Geld dazu hätten. Derartige Hinweise auf das fehlende Geld lassen fast immer an einem wirklichen Rationalisierungswillen zweifeln.

Sie zeigen nämlich, daß die mit diesen Argumenten arbeitenden Unternehmer das Wesen der Rationalisierung gar nicht erkannt haben. Sie verstehen unter Rationalisierung in erster Linie die Anschaffung moderner, leistungsfähiger Maschinen, Für sie ist also Rationalisieren gleichbedeutend mit Investieren; Gewiß ist nun gerade im heutigen Deutschland mit seinen alten und abgewirtschafteten Produktionsmitteln die Anschaffung von neuen, besseren Maschinen ein sehr wichtiger Teil der Rationalisierung, aber es ist keineswegs die einzige Möglichkeit. Rationalisieren ist, wie der Name schon sagt, in erster Linie eine Angelegenheit der ratio, also des gesunden Menschenverstandes, und erst in zweiter Linie eine Geldfrage.

Mit der Verbesserung des Maschinenparks allein ist jedenfalls nichts getan. Eine wirkliche Rationalisierung verlangt vielmehr, daß alle Betriebselemente und Vorgänge auf niedrigste Kosten und höchste Leistung gebracht werden. Dazu aber sind oft keine oder nur geringe Aufwendungen erforderlich, so daß man auch eine "Rationalisierung ohne Kapital" durchführen kann – eine Rationalisierung "ohne Tara" also.

Eine der wichtigsten Möglichkeiten dieser Art Ist die Rationalisierung der Erzeugungsprogramme, d. h. deren Vereinfachung, also stärkere Spezialisierung. Das gilt vor allem für die zahlreichen Klein- und Mittelbetriebe, deren Inhaber meinen, sie müßten, alles herstellen, was es in ihrer Branche überhaupt herzustellen gibt. Eine solche Mannigfaltigkeit ist zwar ein Beweis für vielseitiges Können, gleichzeitig aber auch ein Beweis dafür, daß diese Betriebe infolge ihrer Aufgabenzersplitterung niemals jenen hohen Grad von Wirtschaftlichkeit erreichen können, wie er durch Serien- oder durch Massenfertigung zu erreichen ist. Das gleiche ist von den Betrieben zu sagen, die einen Großteil ihrer technischen Anlagen durch Kriegszerstörungen, Demontagen und Restitutionen verloren haben, aber trotzdem meinen, es ihrem Ruf und Geschäftserfolg schuldig zu sein, auch weiterhin mit einer Kollektion von friedensmäßiger Reichhaltigkeit aufzuwarten. So? anerkennenswert und menschlich verständlicht diese Bemühungen auch sind, so sind sie wirtschaftlich doch nur in wenigsten Fällen zu rechtfertigen.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie wenig noch in Deutschland die Vorzüge einer Beschränkung des Produktionsprogramms erkannt und gewürdigt werden. So wird vor allem, um nur einige Vorteile der verstärkten Spezialisierung zu nennen, das häufige Umstellen und Stillstehen von Maschinen, wie es eine ständig wechselnde Fertigung mit sich bringt, vermieden. Ebenso fällt das häufige Umlernen oder Einarbeiten der Arbeiter und die damit verbundene Verringerung der Arbeitsleistung weg. Weiter werden durch die Spezialisierung der einzelnen Arbeitsverrichtungen die Einzelleistungen der Arbeiter qualitativ und quantitativ besser. Die Maschinen und Werkzeuge können in der bestmöglichen Weise genutzt werden. Die speziellen Erfahrungen mit den zur Verwendung kommenden Materialien und deren Bearbeitungstechnik befähigen die Betriebe zu steigenden Leistungen und zu einer intensiveren Entwicklungsarbeit. Auf der Nutzbarmachung dieser und anderer Vorzüge, wie sie eine Beschränkung der Produktionsprogramme ermöglicht, beruht zu einem guten Teil die hohe Leistungsfähigkeit der amerikanischen Industrie,

Eine weitere wichtige Rationalisierungsmöglichkeit ohne Kapital ist die Ausgliederung unrentabler Hilfs- und Nebenfertigungen. Viele Betriebe haben derartige Fertigungen in der Engpaß-Ära des Krieges und der Nachkriegszeit aufgenommen, weil sie sonst ständig mit Beschaffungsnöten zu kämpfen hatten und Produktionsunterbrechungen infolge Ausbleibens der Zulieferungen befürchten mußten. Seitdem sich jetzt aber die zwischenbetriebliche Arbeitsteilung wieder mehr und mehr einspielt, viele Firmen sogar schon wieder Unteraufträge suchen, sollten die Betriebe umgehend dazu übergehen, alle Fertigungen, die außerhalb ihres eigentlichen Produktionsprozesses liegen, auszugliedern und spezialisierten Zulieferbetrieben zu übertragen. Dadurch werden in den meisten Fällen nicht nur die Kosten gesenkt, sondern es werden vor allem auch Quellen ständigen Ärgers aus den Betrieben entfernt. Denn nur allzuoft bedeuten die in den letzten Jahren aufgenommenen Nebenfertigungen bloß eine Belastung.

Je eindeutiger das Fertigungsprogramm, um so einfacher wird auch die Arbeitsvorbereitung. Gerade dieser Punkt aber läßt in zahlreichen Betrieben noch viel zu wünschen übrig. Dabei kann hier ohne nennenswerten Aufwand eine beträchtliche Kosteneinsparung erzielt werden. Das gleiche gilt von der oft nur oberflächlichen Handhabung der Beschaffung, Bereitstellung und Überwachung der Rohmaterialien, Hilfsstoffe und Zulieferer-Erzeugnisse.

Eine andere wichtige Rationalisierungsmaßnahme, zu der keinerlei Kapital notwendig ist, ist die Einrichtung einer exakten betrieblichen Kostenrechnung. Was nützt alle Rationalisierungsbereitschaft, wenn die Fehlerquellen im Betrieb und damit die Ansatzpunkte für eine Rationalisierung nicht erkannt werden? Nur wenn mit Hilfe der Kostenrechnung genaue Wirtschaftlichkeitsmessungen möglich sind, kann das Streben nach Kostensenkung erfolgreich sein. Auch hier ist, wie die verschiedenen Erhebungen in den Betrieben zeigen, noch viel nachzuholen, rpr.