Damaskus, Anfang Dezember

Unruhiges Damaskus! Mitte des Monats fanden Parlamentswahlen statt, an denen zum erstenmal in der Geschichte Syriens auch Frauen teilnahmen; Die Wahlen sollten dazu dienen, wieder normale verfassungsrechtliche Zustände herzustellen, seitdem Syrien in den letzten Monaten zwei blutige Staatsstreiche erlebt hatte. Doch das Gegenteil war der Fall: Im Süden des Landes brachen Unruhen aus, Truppen traten in Aktion, und das Kabinett in Damaskus sieht heute voller Sorgen neue dunkle Wolken am politischen Himmel des orientalischen Staates emporziehen...

Das kuppel- und minarettgekrönte viertausendjährige Damaskus hat in diesen Tagen politischer Hochspannung wieder einmal sein immer noch jugendliches und überschäumendes Temperament bewiesen. Begeisterte Idealisten, Patrioten aller Schattierungen und viele, denen materielle Vorteile das Wesentliche sind, ziehen mit Druckerschwärze und Wortschwall gegeneinander zu Felde. Gemeinsam aber ist all diesen syrischen Arabern, daß sie von einem reichen, großen und machtvollen Damaskus träumen.

Keine andere Oase ist bis auf den heutigen Tag größer und fruchtbarer als diese Stadt, die unter den Omaijaden-Kalifen Mittelpunkt der mohammedanischen Welt war. Schlanke Pappeln, deren sonst so lichtes Grün jetzt in blasses Gelb übergeht, Ahorn, Weiden und weitausladende Walnußbäume ziehen sich über Blumen und Gemüsegärten fünfzehn Kilometer weit hin. Überall gurgelt und plätschert es. Der uralte Baradafluß bringt aus den Bergen des Anti-Libanon Wasser in überreichem Maße. Und Wasser ist überall im Orient das wichtigste Lebenselement. An der Stelle, wo die steinigen, ockerfarbenen Berge zurücktreten und die großen, von der Natur vorgezeichneten Straßen, vom Mittelmeer nach Indien und von der Türkei nach Ägypten, zusammentreffen und die Stadt Damaskus bilden, dort teilt sich auch der Fluß in ein Dutzend Arme und Kanäle. Allgegenwärtig scheint er dann in der Oasenstadt zu sein: auf jedem der Plätze, in jedem Gartenhof und an jeder Moschee. Über Marmorstufen, Steinplatten und durch moderne Eisen- und Zementrohre wird er gezwängt. Menschen, Tiere und Pflanzen leben von ihm.

Hinter der Stadt finden sich die Wasser des Barada wieder zusammen und versickern plötzlich in einem salzigen Sumpfsee. Fortschrittliche meinen, man solle das kostbare Lebenselement nicht nutzlos versinken lassen, sondern Felder von Mais und Weizen damit bewässern. Aber die dreihunderttausend Bewohner von Damaskus sind immer noch von dem satt geworden, was die Oase wachsen ließ und Kamele oder Lastwagen aus dem Weizengebiet des Nordens heranbrachten; noch mehr zu wollen, das hieße, Allah versuchen, sagen die Ulemas. Nur langsam und erst nach Jahren erkennbar, breitet sich die Oase aus. Zuerst entstehen schützende – Mauern aus Lehm und Stroh. Dahinter Gräben mit langsam fließendem Wasser, an deren Rande winzige Pappeln und kümmerlicher Weizen und in den folgenden Jahren auch Mais und Gemüse wachsen.

Hinter dem Wall von Bäumen, Büschen und Blumen liegt die graugelbe Stadt, in der Saladin und der Kopf des Täufers Johannes begraben sind. Der Hauptarm des Barada teilt Damaskus auf: rechts die altersschmutzigen Viertel von Moslems, Armeniern, Christen und Juden. Eng und schmal sind hier die Straßen, die holzvergitterten Fenster der vorspringenden Erker stoßen über der Straße fast zusammen. Während hier in zeitloser Langsamkeit Wasserpfeifen geraucht und Kaffee geschlürft werden, herrscht jenseits des Flusses Geschäftigkeit und fast europäische Hast. Zwischen den tarbusch- und kopftuchtragenden Männern in westlicher Kleidung, mit wallenden Beduinengewändern oder dem altmodischen türkischen Mantelkleid marschieren nun seit Monaten martialisch dreinblickende schwerbewaffnete Militärpolizisten in roten Mützen. Vom "Gare de Hedschas", der sich von einem deutschen Kleinstadtbahnhof nur durch die arabischen Spitzbogenfenster unterscheidet, bis hinüber zum adlergeschmückten Parlamentsgebäude, das bei Festlichkeiten in vierfarbigem giftig-grellem Neonlicht strahlt.

"Ein dritter Staatsstreich wird nicht mehr stattfinden", versicherte der Armeechef, General Sami Hinnaui, der alle Macht in Händen hat. Schwere Panzer stehen vor seiner Wohnung, und Alarmkompanien beschützen das Oberkommando, Rings um die Oase sind die zuverlässig erscheinenden Truppenverbände zusammengebogen. Über die flachen Dächer brausen Jagdflugzeuge, als wollten sie die vom Propheten befohlene militärische Wachsamkeit demonstrieren.