Die deutsche Wirtschaft wird zu Beginn dieses Winters in neue Haltetaue eingehängt. Deutschlandabkommen, Wettbewerbsregelung und großzügige Neuorganisation in der Spitze sind einige der aktuellen Gegenwartsfragen, zu denen wir Herrn Fritz Berg-Altena, den gewählten Präsidenten des in Gründung begriffenen Gesamtverbandes der deutschen Industrie, um Stellungnahme für die heutige Ausgabe der "Zeit" gebeten hatten. Der Rlt-Wirtschaftsredakteur unserer westdeutschen Redaktion, Düsseldorf, berichtet über dies Interview: "Die Zeit": Es würde uns zunächst interessieren, wie Sie, Herr Berg, das deutsch-alliierte Abkommen vom 23. November beurteilen?

Präsident Berg: Meine Einstellung zum Petersberg-Abkommen ersehen Sie am besten daraus, daß ich im Auftrage des Vorläufigen Präsidiums unserer neuen Organisation dem Bundeskanzler unsere Glückwünsche zu seinem großen Erfolg übermittelt habe. Unzweifelhaft stellt das Petersberg-Abkommen einen Wendepunkt, und zwar den ersten wesentlichen in der Nachkriegsentwicklung, dar. Man muß doch die Dinge sehen wie sie sind. Nach einem ungleich verhängnisvolleren Kriegsausgang als 1918, nach weitaus größeren Gebietsverlusten und einer diesmal ruinösen Zerstörung unserer Produktionsstätten bedeutet das Petersberg-Abkommen eine entscheidende Wandlung im deutsch-alliierten Verhältnis. Es ist das erste wirkliche Abkommen zwischen den Alliierten und Deutschland. Auf beiden Seiten sind Beiträge zur Herstellung gegenseitigen Vertrauens geleistet worden.

Deutschland wird in absehbarer Zeit in die ständige Organisation für europäische Wirtschaftszusammenarbeit eintreten können und erkennt seinerseits das westeuropäische Sicherheitsbedürfnis an.

Das Abkommen wird auch der Wirtschaft Auftrieb geben. Ich erblicke seinen Wert vornehmlich darin, daß nunmehr das Ende der noch immer vorhandenen Diskriminierungen Deutschlands abzusehen ist und ihr Abbau sich sozusagen zwangsläufig abzeichnet. Ich denke hier vornehmlich an. die noch ausstehende vollständige Wiederherstellung der deutschen Souveränität beim Abschluß von Handelsverträgen und in diesem Zusammenhang auch an die noch beschränkten Ausreisemöglichkeiten des deutschen Exportkaufmannes und Technikers. Bei dem komplizierten Standard unserer Technik ist ein Export ohne fachmännische Erläuterung an Ort und Stelle nicht denkbar. Erfreulicherweise kündigen sich, hier, wie ich höre, Erleichterungen auf Grund des Abkommens schon an.

In der Demontagefrage ist der Erfolg des Abkommens ebenso psychologisch wie praktisch. 40 000 bis 50 000 Arbeitsplätze sind erhalten geblieben. Dies allein hat die spontane Zustimmung der Gewerkschaften und Unternehmer ausgelöst. Im Hinblick auf die letzten parlamentarischen Verhandlungen erscheint mir diese Übereinstimmung, ohne sie überschätzen zu wollen, symptomatisch für das Verhältnis der an der Produktion beteiligten Kreise zur Politik. Unzweifelhaft sind in der Frage der Demontage viele Unsicherheitsfaktoren bestehen geblieben. Das gilt insbesondere von der Frage der Wiederingangsetzung der betroffenen Betriebe. Auch die Einschränkung unserer Rohstahlproduktion und ihre Begrenzung auf 11,1 Mill. t begegnet in Kreisen der produzierenden Wirtschaft großen Bedenken. Ohne eine Rohstahlerzeugung von 14 bis 15 Mill. t wird Deutschland nicht auskommen können. Ich bin von Anfang an für den Beitritt Deutschlands zum Ruhrstatut eingetreten. Wir müssen hier vertreten sein, um an den Entscheidungen beteiligt zu sein und um alle Möglichkeiten zu verwerten, die das Ruhrstatut im Sinne einer völligen Gleichstellung der deutschen Industrie im Rahmen eines liberalisierten Wirtschaftssystems bietet.

Wer nicht dem deutschen Fehler verfallt, von der politischen Leistung Unmögliches zu vergingen, übertriebene Forderungen zu stellen, übersteigerte Hoffnungen zu erzeugen und eine verhängnisvolle Ungeduld an den Tag zu legen, muß das Petersberg-Abkommen als großen Erfolg; einer umsichtigen Politik anerkennen.

"Die Zeit": Wie sehen Sie die Gegenwartssituatiön der deutschen Industrie und welche Aufgabe bezüglich ihrer unternehmerischen Organisation ergibt sich daraus?