Zwar ist der Tenor unserer Überschrift nicht gleichzusetzen etwa dem Slang "Vom Kaiserhof zur Reichskanzlei", aber wir möchten doch mit dieser Formulierung zum Ausdruck bringen, daß sich von dem Wunschtraum privater Dollarmillionen bis zur Gegenwartssituation eben schon greifbare Konturen abzuzeichnen beginnen. Die Ära, in der der ehemalige Reichsminister Treviranus durch das Ruhrgebiet reiste und überall Millionen aus dem Ärmel schüttelte (d. h. nur in bedeutungsvollen Andeutungen), gehört der Vergangenheit an. Der politisch gewordenen "Pariser Studie" der Vereinigten Stahlwerke A. G. gebührt das Verdienst, an praktischen Verhältnissen einen nüchternen, ökonomisch und betrieblich gesehenen Vorschlag darüber gemacht zu haben, in welcher Form deutsche Gesellschaften, gleich welcher Größe, das Auslandskapital für sich interessieren könnten. Wir möchten bei einer allgemeinen Betrachtung dieses Vorschlages einmal von den Größen Verhältnissen, wie sie der Stahlverein zugrunde gelegt hat, absehen. Uns interessieren die wirtschaftlichen Fakten und die echten Vorleistungen, die unseres Erachtens deutsche Firmen, die Auslandsgeld aufnehmen wollen, vorher noch beachten müssen.

Besonderen Kapitalbedarf haben – und hier wäre er volkswirtschaftlich auch begründet – die lebenswichtigen, vom Krieg zum Teil zerstörten, von der Demontage noch weiter geschädigten Produktionsstätten. Unter Berücksichtigung der Größenrelationen der Pariser Studie des Stahlvereins wollen wir also annehmen, daß ein Werk mit 100 Mill. DM Aktienkapital über 200 Mill. DM Kriegsverluste jeder Art und rund 100 Mill. DM Demontageverluste hatte. Das heißt, die Summe der Substanzverluste seit Kriegsausbruch bis zur Demontagebeendigung macht das Dreifache des Grundkapitals aus. Bis heute soll es dem Werk gelungen sein, von den Kriegsschäden durch Arbeit, Selbstfinanzierung und umfangreiche "Naturalwirtschaft" der letzten drei RM-Jahre 120 Mill. an Bilanzwerten in aller Stille wiederhergestellt zu haben. Verbliebe also ein Nachholbedarf von noch 180 Mill. DM. Als erreichbares Fremdkapital glaubt die Werksleitung 50 Mill. erhalten zu können. Damit würde die Lebensfähigkeit wieder erreichbar sein.

Der Manager unseres gedachten Unternehmens, ein bekannter und bestens bewährter Wirtschaftsführer mit jahrzehntelanger Werkserfahrung, steht natürlich nicht nur im politischen Tagesgespräch seiner Stadt, sondern auch "im Ländle" in der politischen "Drecklinie", und eine gewisse Presse beschimpft ihn mit dem üblichen Repertoire billiger Agitation und eines nun schon traditionell gewordenen Wortschatzes zwar zugkräftiger aber doch eben nicht beweiskräftiger Parolen. Auch aus diesem Grunde und um "modernen Auffassungen" von der Beteiligung der öffentlichen Hand nachkommen zu wollen, schlägt er seiner Stadt vor, 12,5 Mill. einer neuen Aktienemission zu übernehmen, damit auch die öffentliche Hand ihren "berechtigten Anspruch" auf Mitregieren in diesem großen Werk der Stadt erwerben kann. Das Angebot wird natürlich angenommen, da für einige Stadtväter längst ersehnte Aufsichtsratsposten winken. (Man sollte ruhig zugeben, daß mancher in einem solchen Amt – leider – wirklich nur einen Ordensschmuck sieht.)

Dem Werk ist die Beteiligung der öffentlichen Hand, die keine qualifizierte Minorität erreicht, angenehm und enthebt es der Sorge nach deutschen Kapitalgebern zu suchen. Auslandsinteressenten für die restlichen 37,5 Mill. stehen im Hintergrund. Es können Franzosen, Belgier, Holländer, Schweizer sein, Kreise, die auch Marshall-Plan-Gelder ihrer Länder in Deutschland anlegen wollen, weil sie das hier gewinnbringender ansehen als im eigenen Hoheitsgebiet. Ihr Anteil bleibt natürlich ebenfalls Minorität, die sich zu den ausländischen Anleihegläubigern zugesellt.

Nun aber käme unsere Voraussetzung. Zwar haben sich die Kurse an den Börsen unwahrscheinlich gut erholt und unsere Beispiel-Gesellschaft steht jetzt 55 nach früher 15 bis 20. Sie versprach eine Kapitalumstellung 1:1, d. h. für die 1000-RM-Aktie eine 1000-DM-Aktie. Da man einige alte Anleiheverpflichtungen hat und deshalb nur in Aktien zur Geldbeschaffung ausweichen kann, ist die Kurspflege eine unbedingte Voraussetzung. Wir meinen, daß man vor einer Emission bei pari stehen müßte, dies aber kaum bei nicht zu erwartenden Dividenden anständigerweise erreichen kann.

Es verlohnt sich, für die deutschen Gesellschaftsleitungen, sich mit der Studie des Stahlvereins zu befassen und sie entsprechend auf die eigenen Verhältnisse abzuwandeln. Die Öffentlichkeit aber, die letzten Endes neu "einsteigen" soll, erwartet dann von den Firmen, daß sie – durch Publizität ihrer wirklichen Vermögensverhältnisse in DM – die Echtheit der derzeitigen Aktienhausse nachweisen und sich in spekulativen Äußerungen aufs äußerste zurückhalten. R.