Charles Reades Roman "1466" (Verlag Maria Honeit, Hamburg) – sein englischer Titel heißt "The cloister and the hearth" – mutet wie ein Bote aus einer fernen, uns fremd gewordenen Welt an. Reade läßt eine alte, vergilbte Chronik "in einem unmöglichen Latein verfaßt" Leben gewinnen und erzählt die Geschichte zweier Menschen, die Stiefkinder des Schicksals waren im Leben und im Tod; eine schöne, traurige Liebesgeschichte. Die Odyssee, in die Gerard, der Held des Romans, aus glücklicher Zweisamkeit durch menschliche Niedertracht gestoßen wird, verfolgen wir durch das Europa des 15. Jahrhunderts. Sie nimmt ihren Ausgang in den Niederlanden, führt über Deutschland, Burgund nach Italien und mündet wieder in Gerards niederländischer Heimat. Der Reichtum der Handlung umspannt alles, was menschlich ist: er zeigt die Höhen edlen Menschentums auf und die Untiefen der menschlichen Seele. In diesem Rahmen ist ein weiter Raum für die Welt der Abenteuer, die in bunter Farbigkeit und spannender Vitalität das ausgehende Mittelalter beschwört. Aber diese Zeit erscheint uns fern und fremd, und der Roman vermag es nicht, sie uns menschlich nahe zu bringen. Seine Menschen muten wie die Figuren eines mittelalterlichen Spiels an, sie sind "fertig" im Guten und im Bösen, über Segen und Unsegen ihres Tuns entscheidet Gott oder der Satan. Trotz der weitgespannten Handlung kommt auch das, was man den "Geist des Mittelalters" nennen möchte, zu kurz: er wird durch die Vielfalt der Abenteuer überwuchert und kann so nicht wirksam werden.

Reades Roman ist ein großes Buch der Abenteuer im besten Sinn. Er wird seine Wirkung auf den Leser nicht verfehlen, der dafür aufgeschlossen ist und Muße zum genußreichen Lesen hat. (Der Roman umfaßt 504 Seiten!) Im 100. Kapitel, auf der letzten Seite des Buches, verrät uns Reade, daß Gerard Gerardson, der Sohn des Helden, keine Romanfigur sei, sondern der Geschichte angehöre: Erasmus von Rotterdam. Sein Geburtsjahr ist umstritten. War es 1466? Der Verlag wußte den Titel nicht besser zu formulieren als durch diese Fragestellung. Ob die Formulierung glücklich gewählt ist, darüber mag der Leser selbst entscheiden. Charles Reade jedenfalls hat jede genaue Zeitangabe peinlich vermieden: er läßt seine Geschichte "um die Mitte des 15. Jahrhunderts" beginnen. Es scheint indessen, daß durch den deutschen Titel dem Hinweis Reades auf Erasmus zu großes Gewicht beigemessen wird. Werner Rockel

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C. F. W. Behl: "Zwiesprache mit Gerhart Hauptmann". 296 Seiten. Verlag Kurt Desch, München. – Der Sammler dieser Gespräche stand seit 1913 in engem freundschaftlichem Kontakt mit dem Dichter; er ist auch der Redakteur der Gesamtausgabe letzter Hand der Werke Gerhart Hauptmanns. Unvermeidlich meldet sich bei solchen "Gesprächen" der Vergleich mit den berühmten Goethe-Gesprächen, vor allen denen, die Eckermann überlieferte. Doch soll man sich dieser übermächtigen Schatten erwehren und die Dinge nehmen, wie sie sich geben. Es sind vor allem andere Individualitäten und Menschen einer veränderten Zeit, die hier sprechen. Dem Hauptmann-Verehrer wird aus intimer Kenntnis vieles geboten, was ihn in seinem Wissen bereichert und auch geeignet ist, seine Liebe zu der Persönlichkeit des Dichters zu vertiefen, der in seiner Art am Ende auch ein großer Einsamer war und die Welt durchaus mit eigenen Augen betrachtete. Lehrreich vor allem aber bleibt immer der Blick in das "Gedankenfach" eines sinnenden und gestaltenden Geistes, der noch um die Verantwortlichkeit des Schöpferischen wußte. A–th

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Amerikanische "Signet" und"Mentor-Books" – die Zweimillionenauflagen bekannter amerikanischer Schriftsteller und Wissenschaftler, die in Amerika pro Buch 25 Cent kosten – werden durch die Transatlantik Verlags- und Vertriebsgesellschaft Kupfer & Co., Hamburg, jetzt auch in Deutschland verkauft. Der Preis beträgt für die schöngeistigen Bücher (Signet-Books) 1,25 DM, für die in leicht faßlicher Form dargestellten wissenschaftlichen Bücher (Mentor-Books) 1,75 DM. Unter den Signet-Books befinden sich: William Faulkner "The Old Man", Theodor Dreyser "An American Tragedy", John Steinbeck "Tortilla Fiat" Thomas Wolfe "Look Hornward, Angel" und "Short Stories" und William Saroyan "My Name Is Aram",