Auf die Beziehungen Jakob Burckhardts zu Nietzsche ist vor einigen Jahren durch das Buch eines Münchner Soziologen (A. v. Martin "Nietzsche und Burckhardt") nachdrücklich die Aufmerksamkeit gelenkt worden. Damals wurde der Gegensatz der geistigen Welten der beiden großen Humanisten und Propheten ins Licht gerückt. In dem neu vorliegenden Werk von Edgar Salin: "Jakob Burckhardt und Nietzsche" (zweite, erweiterte Auflage, Verlag Lambert Schneider, Heidelberg. 264 Seiten) geht der bekannte Basler Lehrer der Staatswissenschaft, angeregt durch den ihm aus langjähriger Wirksamkeit vertrauten genius loci Basels, der Wirkungsstätte Burckhardts wie zeitweilig Nietzsches ihren menschlichen und geistigen Berührungen sorgsam und eindringend nach. Die Menschlichkeit Burckhardts und Nietzsches wird ebenso wie ihre geistige Haltung zu deuten versucht und durch den vollständigen Abbruch ihres Briefwechsels erläutert. Es zeigt sich, daß des Gemeinsamen zwischen beiden ebensoviel wie des Gegensätzliches vorhanden ist trotz der in späteren Jahren erkalteten Beziehungen,

Wie zeichnen sich in Salins Betrachtungen die geistigen Positionen der großen Kulturkritiker ab? Nietzsche ist ihm der Herold und leidenschaftliche Verfechter menschlicher Größe in einer dekadenten Zeit, Burckhardt ein Durchfeuchter der Dekadenz und des Nihilismus, der keine Löningen für die Zukunft ausgibt, sondern kommenden Katastrophen hellsichtig und resigniert entgegensieht. Nietzsche wird dargestellt Als ein überwinder des Christentums, Burckhardt gedeutet als Nachfahre eines vorchristlichen Heidentums. Inwiefern diese Deutungen zutreffen, inwiefern eine Neugestaltung der Zukunft auf Grund des romantischen Humanismus Nietzsches möglich ist, inwieweit man tatsächlich Burckhardts Geschichtsbild und Weltbetrachtung unabhängig von christlichen Traditionen verstehen kann, dies sind die Fragen, zu denen man durch Salins ebenso seelisch bewegtes wie geistig lebendiges Buch hingeführt wird. Die Erörterung, die es zweifellos in der Fachwelt hervorrufen muß, wird es vor allem mit dem Begriff einer wesentlich ästhetisch konzipierten "Größe" zu tun haben, der, wie überhaupt den großen Leistungen der George-Schule, auch diesem fesselnden Werk als tragendes geschichtsphilosophisches Fundament zugrunde liegt.

J. A. v. Rantzau