London, im Dezember.

Aus Südrhodesien kommt die Nachricht, daß dort eine Volksabstimmung propagiert wird, in der die weißen Einwohner von Südrhodesien, Nordrhodesien und Nyassaland aufgefordert werden, darüber abzustimmen, ob sie einen engeren Zusammenschluß dieser englischen Teile Zentralafrikas wünschen – mit dem Endziel, ein neues Dominion entstehen zu lassen. Die – Vorbesprechungen haben bereits vor Monaten in Victoria Falls stattgefunden. Von "weitgehender Übereinstimmung" wurde damals berichtet, und technische Experten wurden zu Rate gezogen, um einen Plan auszuarbeiten, der zuerst den weißen Gemeinden der drei zukünftigen Partner vorgelegt werden sollte und später der englischen Regierung. Der vorläufige Plan sieht eine starke Zentralgewalt mit dem Sitz in Salisbury, der Hauptstadt Südrhodesiens, vor. Die finanziellen Einkünfte sollen in diese Zentralverwaltung abgeführt werden. Alle drei Landesregierungen würden auf wesentliche Teile ihrer Kompetenzen zugunsten der Zentrale zu verzichten haben.

Wirtschaftlich ergänzen sich die drei Gebiete nur teilweise. Südrhodesiens Stahlwerke in Queque und Nordrhodesiens Kupferproduktion sind gleicherweise an den Kohlebergwerken in Wankie interessiert-. Beide betrachten Nyassaland, als potentielles Reservoir für schwarze Arbeitskräfte. Andererseits bietet aber eine Föderation so viele Vorteile, daß man an ihrem Zustandekommen allerseits interessiert ist. Mr. Welensky, der prominenteste Politiker von Nordrhodesien, hat vor einiger Zeit betont, daß alle drei Teile zusammen als Bundesstaat ein Einkommen von 30 Mill. Pfund jährlich aufweisen und dadurch eher in der Lage sein würden, notwendige und teure Verbesserungen vorzunehmen – wie etwa im Eisenbahnbau oder im Erziehungswesen –, die sich unabhängig keiner der drei Partner erlauben, könnte.

Jeder Plan einer Föderation muß zwei Hindernisse überwinden. Er muß die örtliche öffentliche Meinung hinter sich haben. Darüber hinaus muß er aber auch die britische Regierung befriedigen, die sich als Treuhänder von Nordrhodesien und Nyassaland fühlt, während Südrhodesien bereits seit Jahren politische Selbstverwaltung genießt. Obgleich bereits eine Königliche Untersuchungskommission die Föderation empfohlen hat, zeigt sich der englische Kolonialminister vorläufig abwartend. ihn beschäftigt das Problem, ob eine Möglichkeit besteht, die Ansicht der eingeborenen Bevölkerung zu erkunden, im Falle es sich als unpraktisch erweisen sollte, sie direkt an der vorgeschlagenen Volksbefragung teilnehmen zu lassen. Die Sorge der Labourregierung um die Rechte der Eingeborenen in der geplanten Föderation ist der Hemmschuh, der die Verwirklichung des Projektes immer wieder aufhält.

Damit wird die Aufmerksamkeit auf ein größeres Problem gelenkt, welches die angrenzende Südafrikanische Union brennend beschäftigt und sie den rhodesischen Föderationsgedanken nur mit Argwohn betrachten läßt: In beiden Rhodesien gibt es nicht jene radikale Politik der Rassentrennung, die Dr. Malans Theorie der "Apartheid" verkörpert. Die Kolonialpolitik der Labourregierung ist im Gegenteil darauf abgestellt, westliche Zivilisation in Zentralafrika zu verbreiten und die schwarze Bevölkerung vollberechtigt, am Staate teilnehmen zu lassen, sobald sie in ihrer Erziehung weit genug fortgeschritten ist. Nur aus solchen zeitlichen Rücksichten könnte sich London den heutigen Bestrebungen einer Föderation widersetzen. Denn ein neues zentralafrikanisches Dominion ist, von ihr aus gesehen, ein glänzendes Gegengewicht gegen den unsicheren Kantonisten Südafrika. Auch würde ein solcher neuer Bundesstaat über wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten verfügen, an denen das Mutterland höchst interessiert ist. So wird der Entscheid der englischen Regierung letztendlich davon abhängen, welche Garantien die weiße Bevölkerung Rhodesiens den Eingeborenen zu geben bereit ist.

Alex Nathan