Es ist bekannt, daß die Textilindustrie, besonsonders die einstufige, garnverarbeitende Industrie, unter dem Spinnerei-Engpaß leidet, und daß die Kapazität der Spinnereiindustrie bei weitem nicht ausreicht, um den echten Bedarf der Webereistufe zu decken. In der Tuch- und Kleiderstoffindustrie und auch in der Baumwollindustrie ist der Rohstoffmangel bei denjenigen Betrieben, die als mehrstufig bezeichnet werden und Spinnerei, und Weberei umfassen, nicht so fühlbar, weil diese Betriebe im Rahmen der hierfür bereitgestellten Dollarmittel im Fachstellen verfahren Rohstoffe, d. h. also Wolle oder Baumwolle, zur Weiterverarbeitung erhalten.

Daraus erklärt sich, daß es notwendig ist, so lange Garne aus dem Ausland – und zwar aus Handelsvertragsländern – einzuführen, bis die eigene Spinnereiindustrie in der Lage ist, den wirklichen Eigenbedarf selbst zu erzeugen. Dies wird nicht in absehbarer Zeit möglich sein, da die Wiedererrichtung von Spinnereien und auch die Wiederinstandsetzung beschädigter Spinnereimaschinen erhebliche Kapitalien erfordert, die zum Teil nur durch Investitionskredite bewältigt werden können. Es versteht sich daher von selbst. daß der Spinnereistufe bei Kreditinvestitionsvorhaben ein Vorrang eingeräumt werden muß.

Jedoch besteht die Gefahr, selbst bei objektiver Betrachtung, daß die einstufigen Webereibetriebe mangelhaft beachtet werden. Im ersten Vierteljahr wurden sowohl für den wirtschaftswichtigen als auch für den zivilen Bedarf im Rahmen eines 20-Mill.-Dollar-Programms Devisenzuteilungen, auch zur Einfuhr von Garnen, als Überbrückungsaktion gewährt, die unter Mitwirkung der Fachverbände und deren Spitzenorganisationen neue Hoffnungen, insbesondere in den einstufigen garnverarbeitenden Sparten der Textilindustrie erwachen ließen. Zweifellos hat die Unternehmerinitiative dadurch gewisse Impulse erhalten; leider hat sich jedoch die praktische Abwicklung durch sehr schleppende Gestellung der Akkreditive durch die Bank Deutscher Länder, sehr verzögert, um so mehr als diese im zweiten Quartal durch das inzwischen zum Anlauf gekommene sogenannte Reihenfolgeverfahren sehr überlastet wurde und auch die JEIA damals mit einem begrenzten Personalapparat die großem Aufgaben nur mit Verzögerung bewältigen konnte, die aber in der Praxis ernsthafte Fabrikationsdispositionen, ganz zu schweigen von Lieferdispositionen, fast unmöglich machte. rend im ersten Quartal gemäß JEIA-Anweisung Nr. 10 die Devisen-Bewilligungen erteilt wurden, wobei die Fachstellen und die Fachverbände, in gewissem Umfang, letztere beratend, mitwirkten, Nr. vom 1. April ab nach der JEIA-Anweisung Nr. 29 Garneinfuhren im Reihenfolgeverfahren Je nach Aufruf der erfolgten Freigabe durch das Import Advisory "Öffentlichen (gemischter Einfuhrausschuß) im "öffentlichen Anzeiger" solche wickeln. Infolge des ,,Garnhungers" sind solche Aufrufe in der Praxis so stark überzeichnet worden, daß die vorhandenen und bewilligten Mittel nur dazu ausreichten, den Antragstellern wenige Prozente der jeweils beantragten Gesamt-Dollarmenge zur Einfuhr von Garnen in Gestalt der Devisenbewilligungen zukommen zu lassen. Daß bei dieser Sachlage keine ernsthaften Dispositionen vorgenommen werden können, liegt auf der Hand. DieBesatzungsmächte wünschen aber offenbar eine Beibehaltung dieses Verfahrens, das man tatsächlich als "verfahren" bezeichnen könnte. Es würde zu weit führen, eine ins einzelne gehende Kritik hieran zu üben, da auch das sogenannte Fachstellenverfahren gewisse Mängel aufweist, die jedoch durch verständige Zusammenarbeit auf ein Mindestmaß beschränkbar sein dürften.

Für Exportaufträge wurde der Versuch der Rohstoff- und Garnsicherung in einem Sonderverfahren gemacht. Ob und welche Erfolge damit erzielt wurden, läßt sich noch nicht endgültig überblicken. Zweifellos müßte es eine der hervorragendsten Aufgaben der Unternehmerinitiative in Zusammenarbeit mit den Verwaltungsstellen sein, die vorhandenen Engpässe zu überwinden.

Es bleibt abzuwarten, ob die Begrenzung jedes Antrages auf ca. 5 v. H. der Gesamtfreigabesummme und ggf. die Auflage, gewisse Garneinfuhren in einem prozentualen Verhältnis auf einstufige Garnverarbeiter und auf den Garnimport-Großhandel zu beschränken, eine Entspannung der Lage herbeiführt, nachdem man an zuständiger Stelle eingesehen hat, daß dem Problem von der monetären Seite durch Soforteinzahlung bzw. Hinterlegung der beantragten Einfuhrsumme nicht beizukommen war, und ein unerwünschter Antragstellerkreis, der von den gegebenen Möglichkeiten des Reihenfolgeverfahrens einen volkswirtschaftlich untragbaren Gebrauch machte, auf andere Weise nicht ferngehalten werden kann. Auch diese Maßnahme dürfte noch nicht als Ideallösung anzusehen sein, so daß der Stein der Weisen in diesem Zusammenhang Immer noch nicht gefunden ist und auch wohl schwerlich zu finden sein wird, solange an dem Verfahren als solchem festgehalten wird.

H. G. Maiwald, Hamburg