Symptome einer neuen Baukunst

Von Hans Bernhard Reichow

Seinem bei Georg Westermann in Braunschweig erschienenen ersten Band einer Trilogie organischer Gestaltung "Organische Stadtbaukunst; von der Großstadt zur Stadtlandschaft" läßt Dr. Hans Bernhard Reichow in Kürze den zweiten Band "Organische Baukunst" im gleichen Verlag folgen, der dem Gebiet des organischen Bauens schlechthin gewidmet ist.

Die Geschichte der menschlichen Gesellschaft erweist sich als ein ständiger Differenzierungsprozeß. Aus dem robinsonhaften Leben entwickelte sich mit der Zeit eine immer weiter gehende Gliederung und Scheidung nach Berufen, Besitzklassen und Ständen. Der seiner Natur nach ganzheitlich veranlagte Mensch wird mehr und mehr zur speziellen Tätigkeit und Haltung verurteilt. Er verliert die innere Freiheit zu einem seiner Natur entsprechenden Wachstum, zur universalen Bildung und Kultur.

Nicht erst unsere Generation hat das als Verlust empfunden, als Verlust jener warmen Unmittelbarkeit menschlichen Lebens und Erlebens, in der unser Glück begründet liegt. Bis zu der Weissagung des "Todes am Intellekt" reicht diese Erkenntnis. In neuester Zeit hat man die Verluste mehr und mehr erkannt und das Wesen unserer Zivilisationskrankheit ergründet. Doch steht es uns noch bevor, die Folgerungen daraus für die Gestaltung unseres Lebens zu ziehen – nicht zuletzt für die Gestaltung der für das Leben ja so maßgeblichen Umwelt. Eine grundsätzliche Wende liegt in der Luft und wir müssen uns möglichst bald anschauliche Klarheit über Wesen, Inhalt und Form dieses uns bevorstehenden Wandels verschaffen.

Neues Bauen in der Stadtlandschaft

In dem Band "Organische Stadtbaukunst" war die organische Stadtlandschaft entwickelt, geordnet und – so man will – geformt worden aus dem Wechselspiel der Einflüsse von außen und innen. Von außen her bestimmte die Umwelt, die Natur und die Landschaft mit ihren geo- und topographischen Gegebenheiten die Grenzen, die individuelle Form des Gesamtorganismus, den wir Stadtlandschaft nannten. Von innen heraus bestimmten die Eigengesetze städtischen Lebens und Wachsens die typische Struktur und Ordnung des Ganzen, seiner Glieder und Organe. Und in dem Maße, in dem beides mit der Umwelt und den städtischen Lebens- und Daseinsformen zusammenklingt, sahen wir das jeweilige Ergebnis als mehr oder weniger organisch an. So und nicht anders verhält es sich bei den organischen Bauten ganz allgemein. Je unlösbarer sie der Umwelt verbunden, auf sie bezogen erscheinen und zugleich sich als der Niederschlag der inneren Lebens- und Bewegungsvorgänge in Grundriß und Aufriß offenbaren, um so mehr erscheinen sie uns aus den Notwendigkeiten des Lebens erwachsen – also organisch. Daß sie daneben den Eigenarten von Material und Gefüge wahr und sinnfällig entsprechen, rundet nur das Bild eines organischen Ganzen. Die, wenn auch zunächst ganz zusammenhanglosen, Symptome eines dem Leben als Ganzheit gerecht werdenden Bauschaffens sind durchaus schon vorhanden. Sie bleiben nur vereinzelt und mehr oder weniger wirkungslos. Das Ziel muß die Synthese sein, die im Bauen zum sinnbildhaften Ausdruck eines natürlichen und einfachen Lebens drängt und über das elementare Bauen hinaus einmal wieder zu einer neuen Baukunst führen mag.