Ginge es nach den Statistikern, so wäre die Neufestsetzung der Wechselkurse der Grab-Kein des deutschen Textilexports. Glücklicherweise ist die Statistik eine "rückschauende Prophetie", die es mit gewesenen Abläufen unter gewesenen Voraussetzungen zu tun hat, nicht aber das wechselvolle Leben berücksichtigen, nicht die Zukunft unter veränderten Bedingungen ausdeuten kann. Einer der besten Kenner des Textilaußenhandels, Dr. H. H. Gehle, sprictht in einer tiefschürfenden Untersuchung ("Textil-Mitteilungen" Nr. 81 vom 11. Oktober 1949) von einer "katastrophalen Situation bei den Baumwollgeweben, die unseren Textilexport bestimmen". Die günstigste, wenn nicht die einzige Chance hätten künftig bedruckte Gewebe. Ein im ganzen niederschmetterndes Ergebnis auf Grund einer Analyse der wichtigsten Ausfuhrwaren und Märkte im ersten Halbjahr 1949, etwas abgeschwächt durch den Hinweis auf die widerspruchsvollen Tendenzen der künftigen Entwicklung des Welthandels. Der Verfasser stellt fest, daß die Gewebe als überragende Gruppe (85 v. H.) der westdeutschen Textilausfuhr im genannten Zeitabschnitt vor der Umwertungswelle zu einem durchschnittlichen Umrechnungssatz von nur 21‚8 cts im Ausland abgesetzt wurden. Der neue DM-Wechselkurs von 23,8 cts wäre also trotz seiner rund 20prozentigen Kürzungen keine Entlastung, sondern eine Belastung des Gewebeexports; es handele sich in diesem Bereich um eine Aufwertung statt um eine Abwertung der D-Mark. Ein solcher Befund klingt fast hoffnungslos, vor allem, wenn man die Dumping-Klausel der Besatzungsmächte hinzunimmt, die freilich recht auslegungsfähig erscheint.

Bedeutet diese Klausel, so wäre zu fragen, lediglich ein Verkaufsverbot zu Preisen unter den Gestehungskosten? Oder läge schon bei niedrigeren Preisen als im Inland ein einschlägiger Tatbestand vor? Wäre die Befreiung des deutschen Textilexports von der im langen Herstellungs- und Verteilungswege stark summierten Umsatzsteuer auch ein Dumping? Oder traut man den deutschen Exportunternehmungen soviel Geschick und Wendigkeit zu, trotz aller Vorbelastungen (der "ungleiche Start") die Produktivität der Erzeugung und des Absatzes so zu steigern; daß der Wettbewerb jenseits der Grenzen keinem begründeten Argwohn begegnen könnte?

Es ist hier nicht der Ort, die mannigfachen Widersprüche zwischen der Forderung eines steigenden deutschen Exports und seiner Einengung durch erschwerende Vorbehalte einzeln aufzuzeigen und von dem zweierlei Maß zu reden, mit dem unsere Außenhandelswirtschaft im Gegensatz zu anderen Ländern gemessen wird. Wir erinnern nur daran, daß (neben Belgien und der Schweiz) Westdeutschland als "halbes Hartwährungsland" von den Open General Licenses Großbritanniens ausgenommen ist; wir erinnern weiter daran, daß der (grundsätzlich sehr zu begrüßende) 50prozentige Abbau der Handelsschranken der ERP-Länder nur für private Einfuhren gilt – eine Forderung, die an die westdeutsche Wirtschaft weit höhere Ansprüche stellt als an andere Wettbewerber und Absatzmärkte.

Auf der deutschen Ausfuhrwirtschaft liegt der Zwang, sich in diesen Widersprüchen zurechtzufinden. Auf der Spinnstoffwirtschaft, die in Ein- und Ausfuhr eng mit dem Weltmarkt verflochten ist, lastet im besonderen der harte Druck zur Kostensenkung. Die Löhne stehen außer Frage, nicht nur aus sozialen Gründen, sondert auch zur Abwehr jedes Dumping-Vorwurfs. Sachliche Kosteneinsparung, Anpassung an fremde Wünsche in Warenart und Qualität besonders in den USA als unserem größten Lieferanten und Dollargläubiger, Auffinden neuer erfolgversprechender Exportartikel, möglichst breite Ausfuhrstreuung zur Verringerung von Absatzrisiken (den Kunstseidenwebereien ins Stammbuch!), Verdichtung des Verkehrs mit Latein-Amerika, Osteuropa und dem Balkan: dies sind entscheidende Bedingungen der künftigen Textilausfuhr, die von der Finanz-, Wirtschafts- und Außenhandelspolitik sorglich unterbaut werden müßten. Es wäre ein gefährlicher Fatalismus, den trüben Ergebnissen einer rückschauenden Statistik nachzuhängen, anstatt aus der Zukunft das Beste herauszuholen.

Gewiß: der Wettbewerb im Sterling-Gebiet und gegen die englische Konkurrenz in aller Welt ist infolge der höheren Abwertung des Pfundblocks spürbar erschwert, der Spinnstoffbezug aus der Dollarzone (Baumwolle, Domestic-Wolle aus den USA) erheblich verteuert. Es möchte aussichtslos erscheinen, den Textilexport bis 1952/53 auf 212,3 Mill. Dollar = rund 900 Mill. DM (1. Halbjahr 1949: 187,2), d. h. (aufs Jahr umgerechnet) auf fast das Zweieinhalbfache zu steigern, wie es der Langfristplan für die ehemalige Doppelzone in Aussicht genommen hatte. Aber: bieten sich nicht alle möglichen Hilfen an zur Austragung des Wettbewerbs und zur Ausweitung des zwischenstaatlichen Güterverkehrs? Ist der im Vergleich mit dem Pfundblock billigere Spinnstoffbezug nicht wenigstens eine relative Hilfe? Stellt die Steuerermäßigung nicht eine Begünstigung wirtschaftlicher Sparsamkeit und eine Entlastung neben der betrieblichen Kostensenkung im Wege der Rationalisierung dar? Ist nicht künftig eine erhöhte Zufuhr besserer Spinnstoffe und Gespinste zur Herstellung aussichtsreicherer Exportartikel zu erwarten? Werden sich die Diskriminierungen aus unserer Hoheitsbeschränkung nicht immer mehr mildern? Rückt nicht die freie Verwendbarkeit der Devisen näher heran? Führt die freiheitlichere Gestaltung des Welthandels nicht in jedem Falle zu einer (vielleicht nicht immer ganz schmerzlosen) Verdichtung des zwischenstaatlichen Güterverkehrs? Wird sie dem leistungsfähigen Teil der deutschen Spinnstoffwirtschaft nicht neue Chancen deutschen Würde eine Meistbegünstigung zweiseitiger Kontingente, soweit sie noch aufrechterhalten werden müssen, nicht wiederum Breschen in die Handelsschranken legen? Könnte ein neuer Handelsvertrag mit Frankreich nicht genau so bahnbrechend wirken wie jener von 1927, der den Schlüssel zu einer umfassenden Regelung vielseitiger Handelsbeziehungen bildete und auch den deutschen Textilaußenhandel spürbar befruchtet hat?

Solche Perspektiven sollten bei der Beurteilung der "katastrophalen Lage" der westdeutschen Textilausfuhr ebensowenig unberücksichtigt bleiben, wie die vielen Unwägbarkeiten der Unternehmungslust, der auf Neuerungen bedachten "Bastelfreude" unserer Techniker und Musterzeichner, der gesteigerten Arbeitsfreude unserer Belegschaften! Mag die Textilausfuhr noch so schwierig erscheinen, mag sie zunächst Enttäuschungen bereiten – wir sind davon überzeugt! sie wird wieder steigen, sie wird nach Ausbalancierung der Märkte und Wettbewerbsbedingungen mit der Zeit einen tüchtigen Aufschwung nehmen. H. A. Niemeyer