Es gab kein Mädchen, das so schön aussah wie Helena. Kein Satz, noch so kunstvoll ersonnen, könnte ihre Schönheit ausdrücken. An jedem Abend suchte ich es möglich zu machen, sie zu sehen, nur zu sehen, und sie erwiderte meinen Blick stumm und voller Tiefe. Sie war das treueste und am besten angezogene Mädchen, das ich kannte. Sie war eine vollkommene Schönheit. Nur einer sah sie häufiger als ich: Erich. Aber auch er fand in jener Nacht das schreckliche Ende.

Erich war der einzige, der sich ständig in ihrer Nähe aufhielt. Ich war nicht eifersüchtig auf ihn. Ich habe ihn lange genug beobachtet. Anfänglich beunruhigte mich das siegesgewisse Lächeln auf seinen Lippen. Aber es bedeutete nichts. Auch Helena schien dies erkannt zu haben, denn eines Abends sah ich sie ohne ihn, und auch in der Folge war es so. Nicht lange darauf fand ich Erich in der Gesellschaft gut angezogener junger Männer. Sie hatten das gleiche Lächeln wie er und sahen aus als wären sie Engländer und sagten gerade: "Herrschaften, wir müssen französick sprechen, sonst fallen wir auf...!"

Auch die Vornamen dieser Herren wurden mir nach und nach geläufig. Der eine hieß Otto, der andere Hubert, der dritte Bodo. Man las sie ihnen von der Nase ab – das heißt, man hätte es ihnen von der Nase ablesen können, wenn ihre Namen nicht eigens von den Schildern zu lesen gewesen wären, die jemand zu ihren Füßen aufgestellt hatte. Davor stand ein größeres Schild mit der Aufschrift: "Aus unserem Sonderangebot." In dieser Gesellschaft hielt sich Helena also auf.

Irgendwo in Französisch-Marokko war es, da hatte der Boy das Modejournal seiner aus Paris stammenden Herrschaft in die Hände bekommen, hatte es eifrig studiert, die Preise verglichen, die unter den darin abgebildeten jungen Mädchen standen, und sich nach langem Schwanken zwischen einem Fräulein, das mit Pelzmantel 58 000 Francs, und einem anderen, das im Sommerkleidchen nur 4200 Francs kostete, entschieden. Jener Boy war unglücklicher als ich. Er sah nicht das Original, sah nur das Bild. Ich aber kannte das überzeugend hübscheste Mädchen. An manchem Abend, da ich vor ihr stand, schien mir ihr Blick beredter, herzlicher. Wüßtet ihr, wie schön sie lächelte, wie zärtlich sie mich anblickte! Aber ihr wißt nichts von dem Geheimnis der Schönheit, ihr rechnet nur und seid verdorben!

An einem Abend trug sie ein Ballkleid aus köstlichem, duftigem Stoff von berauschender Farbe, von erlesenem Schnitt. Sie stand im Mittelpunkt eines Lichtstrahls, der eine anscheinend neue, eigens für sie gefertigte Beleuchtung über sie schüttete.

Ich pflegte Helena in den Abendstunden aufzusuchen, selten an Nachmittagen, denn die gehörten meinem Beruf. Merkwürdigerweise kam ich nicht auf den Gedanken, jemals wieder eifersüchtig werden zu müssen.

Doch hierin täuschte ich mich. Er war ein Mann meines Alters, meiner Größe. Plötzlich stand er neben mir, beobachtete mich argwöhnisch. Aber auch mir war seine Nähe unangenehm. So stunden wir vor Helena, schielten zueinander hinüber. Wir sahen dabei wohl nicht klug aus. Helena lächelte spöttisch und überlegen.