Von Rolf Italiaander

Die Kestner-Gesellschaft in Hannover veranstaltet zur Zeit eine Ausstellung von Werken Rolf Neschs, dessen "Materialbilder", anfänglich heftig umstritten, heute in Norwegen bereits eine gewisse Popularität genießen (vergl. "Die Zeit" vom 20. Oktober 1949).

Rolf Nesch ist gebürtiger Schwabe. Sein Vater war Handwerker. Seine Mutter entstammt einer bäuerlichen Familie. Mit vierzehn Jahren verließ er die Schule und fand bei einem Dekorationsmaler eine Lehrstelle. 1912 siedelte er nach Dresden über und wurde hier Schüler der Kunstakademie. Seine erste Studienreise nach Florenz wurde durch den ersten Weltkrieg unterbrochen. Nesch war an der Ost- und der Westfront, wurde fünfmal verwundet und kam als Leutnant in englische Kriegsgefangenschaft, aus der er nach neunundzwanzig Monaten nach Deutschland zurückkehrte. Es folgten harte Jahre. Etwas leichter wurden seine Lebensverhältnisse, als er 1924 Schüler Ernst Ludwig Kirchners wurde.

Schon 1912 hatte Rolf Nesch eine entscheidende Begegnung gehabt: Edward Munch. Die Kunst des Norwegers beeindruckte Nesch so stark, daß er beschloß, in dessen Heimat zu emigrieren, als durch den Nazismus seine Position in Hamburg unhaltbar geworden war.

Die Zusammenarbeit mit Kirchner hatte Rolf Nesch von der Ölmalerei weggeführt und sein Interesse mehr auf die graphischen Künste gelenkt. Nach Kriegsende als Norweger naturalisiert, gilt er heute als eine der interessantesten künstlerischen Erscheinungen Skandinaviens. Seine Bilder trifft man in vielen Galerien und Privatsammlungen. Auch das "Museum of fine Arts" in New York hat mit Rolf Nesch schon Kontakt aufgenommen. Einige Materialbilder wurden allerdings vom Zoll wieder zurückgeschickt. Bilder sind nach der Ansicht der amerikanischen Zollbeamten nur als bemaltes Papier oder Leinewand denkbar. Auch solche Werke gibt es freilich bei Rolf Nesch. Doch sie sind gering an Zahl. Ei überwiegen die "Materialbilder".

Obwohl sich außer den Dadaisten auch Picasso um 1910 mit Materialbildern beschäftigte, darf man Rolf Nesch wohl den natürlichen Vater der Materialbilder nennen. Wie kam er dazu? "1925 ätzte ich eine Platte", so berichtet er. "Durch meine Unvorsichtigkeit lag sie eine ganze Nacht im Säurebad. Die Platte sah toll aus. Ich warf sie aber nicht weg, sondern druckte sie und lernte. Dieses Versehen also wurde der Anfang meiner künstlerischen Entwicklung bis zum heutigen Tage. 1932 beschäftigte ich mich graphisch mit dem Thema "Hamburger Brücken’. Brücken sind technische Gebilde; ein Ausdruck unserer Zeit. Anstatt Löcher durch die Metallplatten zu ätzen, wie ich gewohnt war, kaufte ich mir einen Bohrer und eine Laubsäge. In dem Geschäft, wo ich diese Dinge erstand, sah ich einen entzückenden kleinen Lötkolben. Ich sagte mir: kannst du von der Platte etwas wegnehmen, kannst du auch etwas dazugeben. In demselben Geschäft sah ich Kupferdraht in verschiedenen Stärken. Ich sprach zu mir: warum nur einen Strich in die Metallplatte ätzen, warum nicht auch einen Strich auflöten? Also Hoch- und Tiefdruck in derselben Arbeit! Der Bildhauer Ruwohldt, der mein Nachbar im Ohlendorff-Palais war, sagte mir eines Tages halb scherzhaft: ‚Warum nicht Fliegengitter‘? Ich rannte davon und kaufte Fliegengitter. Ich war selbst am meisten überrascht über das Aussehen dieser derart zustande gekommenen Platten und ahnte neue Möglichkeiten."

In Norwegen begann Rolf Nesch 1934 das erste Bild in Metall (Zink- und Kupferdraht). 1935 lötete er einen schmalen Metallstreifen auf eine Platte, die Flächen füllte er mit farbigemGlas. Er hat eine ganze Anzahl derartiger Bilder (Reliefs) hergestellt.