Ein Professor der Universität Leipzig hat einmal, vor praeter propter fünfundzwanzig Jahren, ein bemerkenswertes Buch über die betriebliche Organisation geschrieben. Das Buch enthielt, auf mehr als hundert Seiten, nahezu ebenso viele Abwandlungen des berühmten Satzes, wonach das ganze Geheimnis der Organisation, des "Menscheneinsatzes" und der "Menschenführung" im Betriebe (um einmal diese moderneren Begriffe zu verwenden) eigentlich doch nur darin liege, "den rechten Mann an den rechten Platz zu stellen". Dies war nun auch alles, was der Mann zu seinem Thema zu sagen hatte. Aber den einen Vorteil hatte ja wohl dies abseits von der Praxis und rein aus professoralem Nachdenken entstandene Opus: nämlich daß es, auch wenn es den Praktiker enttäuscht haben mag, bestimmt keinem Menschen wehegetan hat; Empfindlichkeiten hat es sicher nicht verletzt.

Wer heute das gleiche Thema behandelt, und zwar so behandelt, daß er mit beiden Händen aus dem praktischen Erleben des "Alltags im Betriebe" schöpft, um dann die Tatsachen kritisch zu analysieren und konkrete Vorschläge für das "Bessermachen" zu geben, der muß darauf gefaßt sein, nach allen Seiten hin anzuecken. Es gibt da ja nicht nur die von unserem Freunde Dr. Pentzlin-Hannover so gern zitierten "privilegierten Irrtümer", sondern es gibt ferner in der Betriebspraxis auch so etwas wie einen "privilegierten Schlendrian" auf personalpolitischem Gebiete. Und es gibt schließlich in der sozialökonomischen, sozialpsychologischen, sozialtherapeutischen Betrachtungsweise des Verhältnisses zwischen Mensch und Betrieb so etwas wie eine "privilegierte Sentimentalität". So gehört dann gewiß eine ganze Portion Mut dazu, ein Buch über dies Thema mit der lapidaren Feststellung zu beginnen: Die vielgebrauchte Sentenz von der "Ordnung des Betriebes vom Menschen her" sei ganz einfach eine faule Redensart... Ebenso erstaunlich mutig ist das, was der Verfasser über die Modeströmung der "therapeutischen Richtung" in der Betriebspsychologie zu sagen hat, die den Betrieb als "eine Art kollektiven Patienten" ansehen möchte, oder was er über die Qualifikation des Durchschnitts-Technikers zur Menschenführung äußert, wie er über die "Zeitnot" des Chefs erteilt ("die Betriebsspitze ist in der Mehrzahl der Fälle die am schlechtesten organisierte Betriebsabteilung") und über das Vorzimmer-Monopol der Damen...

Das Buch also, von dem hier die Rede ist, schrieb Ludwig Kroeber-Keneth; es trägt den Titel "Erfolgreiche Personalpolitik", ist erschienen im Düsseldorfer "Handelsblatt"-Verlag, kostet 5,80 DM und ist bei einem Umfang von knapp 180 Seiten in wenigen Stunden gelesen. Diese wenigen Stunden sollte auch, während der Feiertage, jeder erübrigen können, der als Unternehmer oder "Manager" eines Betriebes oder in seiner Eigenschaft als Personalchef mit der betrieblichen Menschenführung zu tun hat, und ferner eben überhaupt jeder, den entweder die Fragen der Rationalisierung und Leistungssteigerung im Betriebe unter dem Gesichtspunkt der Produktivität und Rentabilität angehen, oder für den die Schaffung eines befriedigenden, von unfruchtbaren Spannungen befreiten Verhältnisses zwischen Belegschaft und Betriebsleitung, die Verbesserung des betrieblichen "Arbeitsklimas", ein soziales Anliegen ersten Ranges darstellt. Für beide Seiten, die (um auch das noch zu sagen) ja keine Gegensätze sein müssen, sondern sich sehr wohl in der Person eines religiös oder ethisch oder sozial "verpflichteten" Mannes in leitender Stellung vereinen können, wie manche Beispiele von erfolgreichen Unternehmern des herzhaftmenschlichen Schlages zeigen – für beide Seiten gibt also es da eine Fülle von Anregungen, deren Ausgangsmaterial stets aus der Betriebspraxis und aus dem Alltagsleben zusammengetragen ist. Für die Aufschließung und Aufbereitung dieses Tatsachenmaterials allerdings hat der Autor, neben seinem gesunden Menschenverstand, das erforderliche Rüstzeug moderner wissenschaftlicher Methoden angewandt.

Den Vorwurf, er habe nur aus eigenem Nachdenken geschöpft und habe es also an wissenschaftlicher Gründlichkeit des Quellenstudiums und der Verarbeitung fremder Erkenntnisse fehlen lassen, wird man nun Kroeber-Keneth nicht machen können. Vor allem hat er eine glückliche Art, selbst verwickelte Tatbestände anschaulich und "einfach" darzustellen: so etwa die Erkenntnisse und Methoden der "ausdruckskundlich" orientierten Persönlichkeitsforschung; einer relativ jungen Disziplin also, von der vor 25 Jahren auf unseren Universitäten noch kaum etwas zu hören war, und deren Popularisierung in den "Illustrierten" von heute kaum je befriedigt. Trotzdem empfiehlt es sich, an die Lektüre des kleinen Buches mit einer guten Zigarre und mit einem dicken Bleistift heranzugehen; man braucht nämlich beides: eine ausgeglichene Stirnmung, um durch die respektlosen Ketzereien des Autors nicht zu stark schockiert zu werden, und den Stift für die Randbemerkungen, die zum Abreagieren gewisser Empfindungen des Lesers notwendig sein dürften! Dafür wird der Leser, der praktische Ratschläge und dabei fundierte Anregungen sucht, sicherlich nicht leer ausgehen. Gewiß äußert sich Kroeber-Keneth sehr deutlich über die herkömmlichen Methoden, "Küchenrezepte der Menschenführung" zu geben und anzuwenden. Aber er verfällt nicht in den entgegengesetzten Fehler, esoterisch zu werden; die Praxis kommt bei ihm voll zu ihrem Recht. Insbesondere eben durch das, was er über die Verbesserung des "Arbeitsklimas" im Betriebe konkret zu sagen hat, und im Zusammenhang damit über die Möglichkeiten den "rechten Mann" an den "rechten Platz" zu stellen. E. T.