Von unserem Berliner Korrespondenten

K. W. Berlin, im Dezember

Er soll unter die Linden ziehen: dorthin, wo sich in Berlin das herrschende Rußland am vornehmsten repräsentiert. Schon ist der Bereich hinter dem Bauzaun auf dem Gelände der zerstörten russischen Botschaft zum "Befehlsbau erster Ordnung" erklärt worden. Vorerst aber wird Georgi Maximowitsch Puschkin in Berlin-Niederschönhausen wohnen, schräg gegenüber dem Schönhauser Hohenzollernschloß, das Wilhelm Pieck beherbergt. Als Puschkin 1906 geboren wurde, gehörte das schöne Haus an der Ecke Kronprinzen- und Viktoriastraße in Schönhausen, in dem er vorläufig wohnt, zum städtischen Revier des preußischen Hochadels. Freilich, Puschkins Reminiszenzen reichen nicht so weit: er gehört zur jungen Moskauer Diplomaten-Schule. der Bolschewiki, und seine sachlichen Kenntnisse hätte er sich vorher auf dem Wirtschaftsinstitut in Moskau geholt, das zur orthodoxen Firmierung den Namen des alten russischen Theoretikers Plechanow führt.

– Erst 1945 rückte: Puschkin, der zunächst in Molotows Fernost-Abteilung gesessen hatte und dann Generalkonsul in Urumschi geworden war, in eine hellere Beleuchtung. Als der damals 39jährige der Kontrolkommission in Ungarn in der Rolle des politischen Beraters beigegeben war, schien er den Militärs von vornherein respektabel, weil die Energie, mit der er Entscheidungen traf, sogleich den Stempel eines Mannes trugen, der es cathedra sprach. Die stechend großen, Augen, die aus dem breiten Gesicht des Kleinen Mannes mit dem schwarzen, glatt zurückgekämmten ., Haar hervorschauen, haben zweifelsohne auf die Sowjet-Generale Eindruck gemacht. Und als bald nach der Konstituierung des ungarischen Staates der Berater Puschkin zum ersten sowjetischen Botschafter in Ungarn ernannt wurde, besann sogleich die Epoche der stetigen Verwandlung dieses Landes aus einer bürgerlichen Scheindemokratie in eine sowjetische Republik. Ungarn mit seiner vielfältigen Verschlingung von Traditionen christlicher, bäuerlicher und bürgerlicher Struktur schien dem Kreml das komplizierteste Feld seiner neuen Macht-Sphäre: der junge Puschkin galt als der Mann, der die Schwierigkeiten meistern konnte. Er hat sie, wie man im Kreml meint, gemeistert. Von der Kleinlandwirtepartei bis zu Mindszenty reicht die Kette systematischer Bolschewisierung Ungarns, die Botschafter Puschkin gefädelt hat.

Als er im Sommer 1948 aus Budapest nach Moskau zurückging, war die Anklage gegen Mindszenty schon vorbereitet, der Schlag gegen die letzte ungarische Widerstandslinie, die Kirche, im Rollen: der Botschafter hatte sein Werk erfüllt. Er konnte sich auf die nächste, unendlich viel größere Aufgabe präparieren: auf seine Sendung in Deutschland. Hierher kam er in den ersten Novembertagen nicht als "Politischer Beauftragter". Er kam mit dem scheinbaren Diplomatenpaß des bevollmächtigten Botschafters. Daß er dabei nicht einmal Semjonow, den politischen Chef der Karlshorster Kontrollkommission, ablöste, sondern neben ihm blieb, soll ihn ganz in die stelle Zurückgezogenheit des diplomatischen Beobachters hüllen. Doch die Besucher des Hauses im Schönhauser Hohenzollernviertel und die vielen Repräsentanten, die inzwischen Puschkins Besuche empfingen, sind mit einem Mann zusammengetroffen, sich vielfach informierter zeigte als die, die ihn informieren sollten. In Budapest war er der unmittelbare Arm des Kreml. Es ist nicht anzunehmen, daß er auf deutschem Boden Geringeres sein sollte.